» Salome « im Bühnenbild und den Kostümen von Jürgen Rose © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Salome « im Bühnenbild und den Kostümen von Jürgen Rose

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: » Salome «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Den Abend umflorte Endgültiges: der Abschied von einer Inszenierung, die für die meisten die einzige war, die sie je im Haus am Ring sahen.
Ansonsten: keine besonderen Vorkommnisse.

II.
Diese Produktion: Jürgen Rose hatte einen fein gewobenen Schleier Klimtscher Motive über die Geschichte vom Ende der judäaischen Prinzessin gebreitet, Boleslaw Barlog die szenische Einrichtung besorgt. Die Première war, wie’s guter Brauch in Wien, von einigen Kritikern gezaust worden. Salome im Jugendstilgewand: undenkbar einst. Betrauert heut’, da der letzte Vorhang fiel. Tempora mutantur.1

Das Programmheft von damals mutet uns heute spartanisch an: ein paar Blätter nur. Keine psychologischen Abhandlungen, keine dramaturgischen Schriften. Keine Erklärungen des Regisseurs oder von Karl Böhm, dem Dirigenten der Neuproduktion. Kaum zu glauben, daß damals das Publikum dem Abend ohne Anleitungen etwas abzugewinnen wußte …

III.
Wo beginnen bei einem Abschied? Vielleicht bei Margaret Plummer als Page, die den Zweck ihres Tuns darin erblickte, den Narraboth von Daniel Jenz glänzen zu lassen? Denn seit Jörg Schneider sang ein Narraboth in Wien nicht mehr so wortdeutlich, so um die Linie bemüht. Diese Partie lag Jenz besser in der Kehle als der Steuermann im Herbst. Eine angenehme Überraschung.

Beim Jochanaan des John Lundgren? Keine Frage, an diesem Abend klang Lundgrens Stimme gesünder; kräftiger als noch fünf Tage zuvor. Besser verständlich. Dennoch wollte der Eindruck gesanglicher Überforderung nicht weichen: wenig legato, dafür kraftraubende, nicht immer textdeutliche Ausbrüche. Kaum zu glauben, daß Karl Böhm 1972 Eberhard Wächter in dieser Partie besetzte. (Im Laufe der Begebenheiten wird das alles klar werden.)

Bei der Herodias von Claudia Mahnke, die in dieser Serie ihr Haus-Debut gab? Mahnke ließ eine gesunde, in der Mittellage kräftig klingende Stimme hören, doch ohne spezifische Kennzeichen. Bemüht im Spiel, klang da vieles (noch) nicht durchgearbeitet, verinnerlicht. Mahnke spielte die Herodias, Elisabeth Kulman war sie gewesen. Damals, im Jänner 2015. In dem Unterschied ist eine Welt.

IV.
Der vollständigste Interpret dieser Dernière war Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Herodes. Ablinger-Sperrhacke schien mir nicht ganz so präsent wie am Freitag zuvor. Dennoch zeichnete er in Stimme und Spiel das Bild eines politischen Menschen, wie es (auch) unsere Zeit fordert: laut auftrumpfend, lüstern-listig schmeichelnd, beschwörend bittend und im Ende, da alles verloren ist, erbarmlungslos zuschlagend. Ablinger-Sperrhackes Herodes ist (nicht: war) zeitlos. Es ist die hohe Kunst: aus einem Stoff das für uns Zuschauer Gültige zu destillieren, es erfahrbar zu machen.

» Salome «: Claudia Mahnke (Herodias) bei ihrem Haus-Debut und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Herodes) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Salome «: Claudia Mahnke (Herodias) bei ihrem Haus-Debut und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Herodes)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Jennifer Holloway sang, spielte und tanzte die Salome. Nun, letzteres nicht unbedingt: Der » Tanz der sieben Schleier « ähnelte eher den Aufwärmrunden für eine Turnstunde als einem Akt fesselnder Erotik. Doch nichts ist schlimmer als Längen, gefährliche Längen: — in der Oper ebenso wie im Liebesspiel.

Weder das Besetzungsbüro noch große Teile des Publikums schien zu stören, daß es auch dieser Salome im hohen Register überwiegend an Textdeutlichkeit gebrach; das tiefe Register wenig Volumen aufwies. Daß immer wieder Zeichen stimmlicher Überforderung zu hören waren. Gerade die forte und fortissimo notierten Passagen ihrer (wie auch Jochanaans) Partie verlangen nach kontrollierter Tongebung; jener Fertigkeit zum geradlinigen, großstimmigen (nicht: lauten) Operngesang, der immer seltener zu hören ist.

VI.
Am Pult des Staatsopernorchesters waltete Thomas Guggeis. Wie in den Vorstellungen von Die tote Stadt führten die groß angelegten Gesten des kaum 30-Jährigen zu zu lautem Orchesterspiel. Ein Fest für die Ohren; doch kein Sängerfest. (Immerhin: kein Lärm.) Den » Tanz der sieben Schleier « hörte man schon kompakter in den großen Bögen, zwingender im musikalischen Aufbau, fesselnder. Das abschließende Wort zwischen Strauss’ Partitur und Guggeis’ Interpretation scheint mir noch nicht gesprochen (feuilletonistische Jubelhymnen hin oder her). Doch wird viel Wasser den Main hinunterfließen, ehe eine von Guggeis verantwortete Salome agogisch und dynamisch den Vergleich mit Interpretationen etwa von Böhm, Krauss oder Peter Schneider, nicht zu scheuen braucht.

VII.
Was bleibt von dieser Produktion? Erinnerungen an ausgezeichnete Einzelleistungen, Dankbarkeit für berührende Abende. Und Unbehagen darüber, daß Bewährtes, daß Schönes (Jürgen Roses Kostüme: eine Augenweide!) weichen muß, weil es — nun ja — im Dezember 50 Jahre alt geworden wäre.
Tempora mutantur.

  1. Gerüchten zufolge wurde Cyril Teste eingeladen, die für die kommende Spielzeit in Aussicht genommene Neuproduktion der Salome szenisch zu betreuen. Eine seiner letzten Arbeiten galt Beethovens Fidelio in der Opéra Comique (Paris).

94 ms