Rezensionen Oper

Gioachino Rossini:
»Il viaggio a Reims«

Oper Graz

Von Thomas Prochazka
»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus (Corinna), Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Anna Brull (Marchesa Melibea), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Peter Kellner (Lord Sidney), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Sonja Šarić (Madama Cortese), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Chor und Statisterie der Oper Graz © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus (Corinna), Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Anna Brull (Marchesa Melibea), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Peter Kellner (Lord Sidney), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Sonja Šarić (Madama Cortese), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Chor und Statisterie der Oper Graz

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

I.
Auch in Graz begeht man Jubiläen. Diesfalls den 150. Todestag von Gioachino Rossini. Und weil man in Graz keine halben Sachen macht, gibt man Il viaggio a Reims.
Man traut sich was in Graz.

II.
Luigi Balochi und Gioachino Rossini ersannen dieses dramma giocoso in un atto für die Pariser Feierlichkeiten anläßlich der Krönung von Charles X. Die — dem Hof und geladenen Gästen vorbehaltene — Uraufführung fand am 19. Juni 1825 im Théâtre Italien statt.

Rossini war mit 1. Dezember 1824 als Direktor des Hauses im Amt und seinem Kontrakt nach zur Lieferung neuer Kompositionen verpflichtet. Paris wartete daher auf ein neues Werk aus seiner Feder. Geschäftstüchtig, wie Rossini war, ließ er veröffentlichen, daß er die Komposition von Il viaggio a Reims nicht als eine Lieferung im Sinne seines Vertrages betrachtete und dafür auch nicht das ihm zustehende Honorar verlangte. (Das von Charles X. geschenkte Service aus Sèvres-Porzellan schlug Rossini allerdings nicht aus.)

Geschäftstüchtig? Nun, nachdem Rossini für Il viaggio a Reims kein Honorar genommen hatte, blieben die Rechte am Werk bei ihm, und er konnte mit seiner Komposition nach Belieben verfahren. So verwendete er Teile daraus in späteren Werken (vor allem in seiner Oper Le Comte Ory) wieder. Um die Verbreitung des Notenmaterials möglichst zu verhindern, zog Rossini das Werk nach den drei für die Krönungsfeierlichkeiten geplanten sowie einer weiteren Aufführung am 12. September 1825 wieder zurück.

»Il viaggio a Reims«: Andrea Purtić (Maddalena), Martin Fournier (Don Luigino), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Martin Simonovski (Don Prudenzio), David McShane (Antonio), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Peter Kellner (Lord Sidney) © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Andrea Purtić (Maddalena), Martin Fournier (Don Luigino), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Martin Simonovski (Don Prudenzio), David McShane (Antonio), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Peter Kellner (Lord Sidney)

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

III.
Für die Grazer Aufführungen schuf Friedrich Eggert ein von den Lilien der Bourbonen übersätes Bühnenbild, welches durch geschickten Einsatz der Drehbühne immer wieder neue Einsichten in das »Hôtel du Lis d’or« (»Hotel zur Goldenen Lilie«) in Plombières, einem mondänen Kurort in Ostfrankreich, bietet. Alfred Mayerhofers Kostüme und Bernd Mottls Inszenierung transferieren die illustre Reisegesellschaft aus Gräfinnen und Baronen in moderne Zeiten.

Das funktioniert allerdings nur zum Teil. Höhepunkt der an kleinen Inkongruenzen leidenden Umsetzung ist das Finale: Da versucht Mottl mit der Allgewalt des Spielleiters Corinnas Improvisation in ein Plädoyer für Europa umzuwandeln (inklusive zweier Bodybuilder auf Kothurnen, welche einen Stier darstellen — Europa! Stier!). Dabei besingt Corinna Charles X. (Nationalistischer geht’s kaum.)

Daß im Finale die Hausdame Maddalena (Andrea Purtić) und der Koch Don Luigino (Martin Fournier) die Gesellschaft zur Hölle schicken wollen, um auf den Trümmern ihrer Revolution mit dem Hotelpersonal Europa erstehen zu lassen: — ein Mißverständnis ohnegleichen.

IV.
Nach dem Öffnen des Vorhanges, bevor noch die Introduktion anhebt, wird dem Publikum ein Hotelgang mit mehreren Zimmertüren vorgestellt, darauf die Nationalfahnen ihrer Bewohner angebracht sind. Alle stellen sich nacheinander dem Publikum im Kostüm vor, Einsingübungen markierend. Eine nette Idee, welche dem Publikum die Orientierung erleichtert. Allerdings… Allerdings läuft sie dem von Balochi ersonnenen Aufbau des Stückes zuwider, welches zuerst das Hotelpersonal und die Hausherrin Madama Cortese (Sonja Šarić) vorstellt, ehe die illustren Gäste aus ganz Europa nach und nach mit Arien und Duetten eingeführt werden sollen.

»Il viaggio a Reims«: Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Anna Brull (Marchesa Melibea), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok) © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Anna Brull (Marchesa Melibea), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok)

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

V.
Mottl und Mayerhofer sparen an diesem Abend nicht mit Anspielungen: Der Engländer Lord Sydney (Peter Kellner) wird als verrückter, unglücklich in Corinna verliebter Modeschöpfer gezeichnet, einer Mischung aus Vivienne Westwood und Karl Lagerfeld. Don Profondo (Wilfried Zelinka) erscheint als liebenswürdiger italienischer Papà mit Embonpoint. Wer in der Marchesa Melibea (Andrea Brull) mit ihrer Haartolle und ihrem Gehaben Ähnlichkeiten mit Joyce DiDonato zu Zeiten ihres Projektes »War and Peace« erkennen will, dürfte so falsch nicht liegen. Und der Barone di Trombonok (Dariusz Perczak) erinnert mit seinem großen weißen Taschen­tuch während seines Vortrages der inno tedesco an vergangene tenorale Glanzzeiten.

Weil Mottls Balochis Libretto aufgepflanztes Konzept eines geeinten Europa ohne Griechenland unvollständig wäre, wird aus der römischen Improvisationskünstlerin Corinna nach Madame de Staël kurzerhand die Vertreterin Griechenlands. (Daß der Spielleiter für Corinnas erste, eigentlich hinter der Bühne erfolgende Improvisation die muslimische Dienerin Delia hinzuerfindet, sich diese von Corinna sagen lassen muß, daß »als Symbol von Frieden und Ruhe […] das heilige Kreuz« erstrahle, werden Teile des Publikums nur bedingt lustig gefunden haben.)

VI.
Man traut sich was in Graz: Oksana Lyniv leitet das sehr gut disponierte Grazer Philharmonische Orchester mit Umsicht durch Rossinis Partitur. Daß man sich an die Kritische Edition der Fondazione Rossini di Pesaro hält, scheint selbstverständlich. So kommt das Publikum in den Genuß eines erst in den letzten Jahren restaurierten und ursprünglich aus Maometto II. (1820) stammenden Chor zu Beginn des Finales.

Lyniv nimmt die Tempi nicht zu rasch. Das erleichtert den Sängern ihre Aufgaben. (Man bedenke, daß Rossini in diesem Werk alle Register seines Könnens gezogen, es mit orchestralen und gesanglichen Schwierigkeiten en masse gespickt hat.) Mit der Sicherheit der absolvierten Aufführungen wird das Tempo hie und da noch mehr Fahrt aufnehmen, die parlandi noch blitzender, der vokale Glanz noch größer werden.

»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus als Corinna © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus als Corinna

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

VII.
Es fällt schwer aus dem Ensemble von 16 Sängern einzelne hervorzuheben. Il viaggio a Reims funktioniert nur, wenn allen Mitwirkenden eine entsprechende Kunstfertigkeit eignet. (Daß man in der Première den einen oder anderen Spitzenton durch fioriture ersetzte: — was soll’s?)

Gewiß, die »Medaglie incomparabili« des Don Profondo sorgen immer wieder für Furore, ebenso die Improvisationen Corinnas (von Tetiana Miyus mit fließender Stimme vorgetragen) oder ihr Duett mit Pavel Petrov, dem Cavalier Belfiore der Produktion. Heike Straub-Kossegg spielte die Einwürfe der Soloflöte in Lord Sydneys großer Szene »Ah! perché non conobbi?« mit ihren über die Oktave hinausreichende Sprüngen, und Ivan Oreščanin gab einen stimmlich und darstellerisch überzeugenden Don Alvaro. Elena Galitskaya gebärdete sich als Contessa di Folleville in ihrer Szene als verrücktes Huhn, während die Modestina der Aleksandra Todorović mit gelangweiltem Zofengehabe und der Contessa Schoßhündchen im Arm die ganze Absurdität der Situation sichtbar machte; — Französinnen eben!

Miloš Bulajić wird in den Folgevorstellungen seine Darstellung des Conte di Libenskof sicher noch zu verbessern wissen, der Don Prudenzio des Martin Simonovski werkte bereits in der Première den Erwartungen an einen Kurarzt entsprechend.

VIII.
Mit Il viaggio a Reims nahm die Oper Graz ein Meisterwerk Rossinis in ihr Repertoire auf. Wer dieses entdecken (oder wieder hören) will, den erwarten drei Stunden ungetrübter Unterhaltung.

Man traut sich eben was in Graz. Zurecht.

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