Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker im letzten der drei Konzerte nach dem ersten »<abbr>COVID-19</abbr>-Lockdown« im Juni&nbsp;2020 © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker im letzten der drei Konzerte nach dem ersten »COVID-19-Lockdown« im Juni 2020

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Franz Welser-Möst:
»Nivellierung funktioniert nur nach unten«

Von Thomas Prochazka

Der Maestro im Pressegespräch über die Bildungspolitik in Österreich, politische Kurzsichtigkeit und private Initiativen.

II.
»Jetzt müssen Sie sich von mir eine Tirade anhören«, beantwortete Franz Welser-Möst vor seinem philharmonischen Konzert die Frage, ob Initiativen für Schüler in Cleveland, verbilligte Eintrittskarten für Jugendliche und die Orchester-Akademie der Wiener Philharmoniker nicht nur ein Tropfen auf einem heißen Stein seien. »Ich würde die Politik bitten aufzuhören, von Österreich als Kulturnation zu reden.« Österreich habe beim PISA-Test 2018 in den musisch-kreativen Fächern »den ehrenvollen letzten Platz« belegt. Aber darüber aufgeregt habe sich niemand. »Das war nirgends ein Thema.«

In der letzten Saison vor COVID-19 habe man in Cleveland 60.000 Schüler in den Konzerten begrüßt. Das Ergebnis: Die aktuelle Spenden-Kampagne sei »die erfolgreichste in den 102 Jahren« (des Bestehens des Cleveland Orchestra, Anm.). Der Grund? »Die Leute in Cleveland haben erkannt, daß das, was wir machen, gut und notwendig ist.«

III.
Solche Weitsicht vermißt der Pendler zwischen zwei Welten in seinem Vaterland: »Diese Sichtweise ist kurzsichtig. Was bringt eine Gesellschaft vorwärts? Kreativität. Aber wir erziehen junge Menschen, die alle nur mit Tunnelblick funktionieren.« Welser-Möst berichtet von seinem Bruder, der Deutsch unterrichtet. Dieser habe einen Junglehrer, der bei ihm hospitierte, gefragt, was er lese. Dessen Antwort: ›Ich lese nicht. Ich bin Grammatiker und Linguist.‹ »Das ist so, als ob Sie auf einem Instrument Tonleitern üben und sagen: Mozart, Bruckner und Beethoven interessieren mich nicht!«

Nivellierung funktioniert nur nach unten.

Franz Welser-Möst

»Es wird immer wieder nach unten nivelliert. Nivellierung funktioniert nur nach unten.« Es könne doch nicht ernst gemeint sein, daß Schüler als Matura-Aufgabe in Deutsch ein Bewerbungsschreiben zu verfassen hätten, räsonierte der Dirigent. Und, weiter: »Wenn Sie einmal etwas verloren haben… das geht schleichend. Und dann ist es weg.« Welser-Möst erinnerte an Konrad Paul Liessmann und dessen Argumente, es sei ein Fehler, in der schulischen und studentischen Ausbildung Kompetenzen anstelle von Bildung zu vermitteln.1 Man solle sich in der Schule nicht zwischen den Fächern »Bildnerische Erziehung« oder »Musik« entscheiden müssen.

IV.
Welser-Möst streute den Wiener Philharmonikern mit ihrer Orchester-Akademie Rosen. Solche Schritte seien wichtig und mutig. Aber es brauche viel mehr davon. In Oberösterreich gibt es jetzt, im Hinblick auf die Ernennung Bad Ischls gemeinsam mit 20 anderen Gemeinden des Salzkammergutes zu einer der drei europäischen Kulturhauptstädte Europas 2024, eine Initiative, die Hausmusik zu fördern. Der Dirigent fungiert hierbei als Ideengeber und Unterstützer der »Hausmusik Roas«. Die Aktivitäten sollen im Mai diesen Jahres beginnen. Die Hausmusik sei der Nährboden für alles andere. »Wir müssen uns überlegen, was wir tun können, damit wir diese Dinge, die als wertvoll angesehen werden, nicht verlieren.«

  1. Konrad Paul Liessmann: »Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift«. Piper Taschenbuch, 2016, ISBN 978-3-492-30850-2, 176 Seiten.

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