Die Wiener Philharmoniker vor dem Abonnement-Konzert mit Franz Welser-Möst, <abbr>COVID-19</abbr>-bedingt im leeren, doch stimmungsvoll ausgeleuchteten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins © Wiener Philharmoniker/Benjamin Morrison

Die Wiener Philharmoniker vor dem Abonnement-Konzert mit Franz Welser-Möst, COVID-19-bedingt im leeren, doch stimmungsvoll ausgeleuchteten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins

© Wiener Philharmoniker/Benjamin Morrison

Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern

Musikverein Wien

Von Thomas Prochazka

Eigentlich — eigentlich sollte man sich als Berichterstatter schon daran gewöhnt haben, mit welch majestätischer Wucht einen die Musik im leeren Goldenen Saal überrollt. Und dennoch: Die Empfindung, wenn dieser Raum mit dem ersten Akkord zu Klang wird, weil kein Publikum die am Podium übliche Lautstärke dämpft — sie ist jedes Mal überwältigend.

II.
Franz Welser-Möst war für dieses Wochenende eingeladen gewesen, mit den Wiener Philharmonikern zu musizieren. Am Programm des eigentlich achten Abonnement-Konzertes der Saison standen mit der Symphonie Nr. 2 in B-Dur, D 125, von Franz Schubert (1797 – 1828) und der Sinfonia domestica für großes Orchester, op. 53, von Richard Strauss (1864 – 1949) zwei Werke, die von den Wienern seltener aufgeführt werden als man vermuten möchte.

Schuberts »Zweite«: das Werk eines 18-jährigen, und doch, wie Maestro Welser-Möst vor der Konzertübertragung betonte, ein Meisterwerk. Schubert war zu jener Zeit in eine junge Sopranistin verliebt; — ob er deshalb B-Dur, die »Hoffnungstonart«, wählte?

Der »Zweiten« eignen bereits alle Qualitäten, die wir auch an den späteren Symphonien so schätzen: der Einsatz der Holzbläser, das untrügliche Gespür für die Balance zwischen den Orchestergruppen. Wie die Herrschaften an Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott die Phrasen einander übergaben; wie weich so eine Wiener Oboe klingen kann… (Kunststück, wenn Meister Gabriel am Ort ist.)

Mit Welser-Möst entschied man sich für eine markante, kräftige Wiedergabe. Verschrieb sich Schuberts jugendlichem »Sturm und Drang«. Und warum auch nicht? Apart, wie man im Andante des Variationssatzes die Gegenstimme in den Celli und Kontrabässen in die Mitte bat. Selten sah ich Franz Welser-Möst so entspannt seines Amtes walten wie im Menuett: zum großen Teil nur mit der rechten Hand, die Musik mehr lockend denn fordernd. Schön.

Der Maestro war vor dem Konzert gefragt worden, ob ihn ein Schubert-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern reizte. »Ja.« Nach dieser Wiedergabe weiß man, warum.

Letzte Seite der <em>Sinfonia domestica</em>, op. 53, mit der Widmung des Komponisten: »Letzte Seite der Sinfonia domestica den lieben Wiener Philharmonikern in Bewunderung und Dankbarkeit für viele Stunden schönsten künstlerischen Genusses treu ergeben Dr. Richard Strauss«. Garmisch, 30. August 1932 © Historisches Archiv der Wiener Philharmoniker

Letzte Seite der Sinfonia domestica, op. 53, mit der Widmung des Komponisten: »Letzte Seite der Sinfonia domestica den lieben Wiener Philharmonikern in Bewunderung und Dankbarkeit für viele Stunden schönsten künstlerischen Genusses treu ergeben Dr. Richard Strauss«. Garmisch, 30. August 1932

© Historisches Archiv der Wiener Philharmoniker

III.
Nach der Pause die groß besetzte Sinfonia domestica für großes Orchester, das op. 53 von Richard Strauss. 65 Mal war diese in Musik gesetzte »home story« zuvor auf den philhar­monischen Pulten gelegen.

Die Uraufführung hatte am 23. März 1904 mit dem Wetzlerschen Symphonieorchester unter der Leitung des Komponisten in der Carnegie Hall in New York stattgefunden. Auf Grund des großen Erfolges kam es zu zwei weiteren Aufführungen im Kaufhaus »Wanamaker«. Strauss erhielt dafür eine Gage von 1.000 USD. (Man mag darüber lächeln, daß in einem Kaufhaus eine ganze Etage leergeräumt worden war, um das Orchester und die Zuhörer unterzubringen. Doch wo sehen wir solche mäzenatischen Bemühungen heute, und nicht nur in den USA?)

Maestro Welser-Möst bezeichnete die Sinfonia domestica als »ein Stück, das ich immer verteidige«; und als »auf höchstem Niveau äußerst unterhaltsam«. Er sprach von einer »großen Portion Selbstironie«, die Richard Strauss zweifelsohne geeignet haben mußte. Die ersten drei Noten des großen Themas der Frau seien identisch mit jenen des Elektra-Motivs. Dazu bedürfe es angesichts dessen, was wir über Pauline Strauss wissen, schon einer gewissen Portion Mut, fügte Welser-Möst schmunzelnd hinzu.

Michael Bladerer ergänzte, daß Strauss das Werk im Zeitraum von 1907 bis 1944 20-mal mit den Wiener Philharmonikern zur Aufführung gebracht hatte; darunter in Konzerten zu seinem 65., 75. und 80. Ge­burtstag. Im Feber 1944 ging man damit sogar ins Studio, nahm die Sinfonia domestica für Schallplatte auf.1

Der erste der vier ineinander übergehenden Teile macht den Hörer mit den Motivgruppen des Mannes, der Frau und des (erstgeborenen) Kindes vertraut. Ab dem zweiten Teil, dem Scherzo, schildert der Komponist einen Tag im Haushalt Strauss (und präsentiert sich dabei moderner, weil gehaltvoller, als eine Serie von Facebook-Status-Updates). Im Adagio, in der Liebes­szene, ließ Welser-Möst das Orchester aufrauschen. Sinnlichkeit im fortissimo. (Das ist möglich.) Welser-Möst entwickelte unter Beibehaltung der Durchsichtigkeit dieser komplexen Partitur die Klangwogen so organisch, daß er den Vergleich mit des Komponisten eigener Aufnahme oder mit Clemens Krauss’ Einspielung aus dem Mai 19522 nicht zu scheuen braucht. Wie fein abgestimmt klangen die Holzbläser an diesem Vormittag, wie zärtlich die Oboe d’amore! Und wie gut disponiert präsentierten sich die Blechbläser, wie akkurat war nicht nur der »fröhliche Beschluß« ausgeführt!

Für viele opernaffine Hörer eine Überraschung: Das Hauptthema des Finale, Untertitel »Erwachen und lustiger Streit«. Das kennt man doch, sagt man sich: nun ja. Es dient auch als Beginn des Vorspiels zur Oper Der Rosenkavalier, op. 59. Zeitlich richtig eingeordnet, zitiert Strauss also im Rosenkavalier (1909) die Sinfonia domestica (1904). Wie passend.

IV.
Die Wiener Philharmoniker, geführt von Rainer Honeck und Volkhard Steude, spielen derzeit — auch in ihrer Rolle als Orchester der Wiener Staatsoper — in einer Form, die einen beglückt und staunen macht. So hervorragend klang dieses Orchester in den letzten Jahren der Mehrfachbelastung mit täglichem Operndienst, philharmonischen Konzerten, Lehrtätigkeiten und der Liebe seiner Mitglieder für Kammer- und Blasmusik nur an wenigen Abenden. (Und ja, man weiß es.)

Zum Glück kann man diesen Vormittag noch einmal erleben: am 16. Mai um 20:15 Uhr auf ORF III.

  1. Die Wiener Philharmoniker veröffentlichten diese Aufnahme in ihrer, im Vertrieb der Deutschen Grammophon erschienenen CD-Box zum 150-Jahr-Jubiläum des Orchesters: DG 435 333-2
  2. Richard Strauss: Sinfonia domestica , op. 53, und Le bourgeois gentilhomme, op. 80 (Suite). Wiener Philharmoniker, Clemens Krauss; London POCL-4203 bzw. 452 774-2

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