»Nabucco«: Szilvia Vörös (Fenena), Riccardo Zanellato (Zaccaria) und der Wiener Staatsopernchor in der Inszenierung von Günter Krämer © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Nabucco«: Szilvia Vörös (Fenena), Riccardo Zanellato (Zaccaria) und der Wiener Staatsopernchor in der Inszenierung von Günter Krämer

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giuseppe Verdi:
»Nabucco« (Stream)

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Die Wiener Staatsoper übt sich in Systemrelevanz und spielt vor leerem Haus für den ORF und ein ausgewähltes Häuflein von Medienvertretern. Auf der eigenen Website überträgt man live. Naja, fast: »live zeitversetzt«. Naja, schon ein bisserl bearbeitet, auch für die Sendung auf ORF III am Sonntagabend… Jedenfalls verschob man den Übertragungsbeginn um etwas mehr als vier Stunden auf 20:30 Uhr.

Direktor Roščić erklärte vor Beginn, daß es sich um keine Vorstellung, sondern um eine Aufzeichnung handle und man sich deshalb vorbehalte, zu unterbrechen und zu wiederholen. Allem Manager-Jargon entkleidet hieß das: Der Mitschnitt vom Proben­durchlauf vor ein paar Tagen ist nicht von sendefähiger Qualität und kann nicht als Rückfallebene bei möglichen »Hoppalas« dienen…

II.
Jedes weitere Wort über die Inszenierung von Günter Krämer wäre eines zuviel. Ich sagte, was zu sagen war. Aber vielleicht wird mir eines Tages jemand erklären, wodurch eine Kinder-Ballerina-Pantomime und das Puppenspiel eines Jungen während der Ouverture »den Gegenwartsbezug des Theaters« sichern. Und wie solches mit dem in Nabucco verhandelten Stoff in Zusammenhang zu bringen wäre. 

Interessant übrigens, wie die Kameraperspektive die örtlichen Gegebenheiten verzerrt: Offensichtlich hatte der ORF eine Krankamera im Parkett aufgebaut, die mit ihrem Weitwinkel­objektiv dem Bühnen­geschehen eine nie zuvor gesehene Tiefenwirkung verlieh. Und die dynamischen Kamerafahrten von der Totalen zur Nahaufnahme eines Sängers erlaubten Einsichten, die im vollbesetzten Haus nicht möglich sind.

III.
Plácido Domingo stand als Nabucco auf der Bühne. An seinem 80. Geburtstag. Ob es die zweite, dritte oder siebente Wiederkehr desselben war, muß uns nicht interessieren. Was uns zu interessieren hat, ist Domingos Leistung. Und da bleibt festzuhalten: Es macht einen betroffen, wie sehr einer der einstens besten Tenöre seiner Zeit die eigenen Ansprüche an die stimmliche Gestaltung einer Partie immer mehr herabsetzt, um vor sich selbst weitere Auftritte zu rechtfertigen.

Denn gestern nachmittag funktionierte da wenig: Die Fähigkeit zum legato stand Domingo nur mehr in wenigen Passagen zur Verfügung. Vor der Pause bereiteten sogar manche mittlere ›c‹ Probleme; die im passaggio liegenden Spitzentöne (›f‹) klangen offen, ungestützt und angestrengt. Domingo sang, traut man den über das Netz verbreiteten Audiosignalen, oftmals zu tief. Ausdrucksvolles Spiel allein — man sehe sich nur das faszinierende Foto aus der Probe an! — ist zuwenig.

Im Presto-Finale des ersten Teiles ließ Domingo ganze Phrasen aus. Das Duett Abigaille/Nabucco im dritten Teil kürzten wohlwollende Geister auf die zweite stanza; wohl um den einstigen Großen nicht allzu sehr bloßzustellen. Und »Dio di Giuda!… l‘ara, il tempio« zog vorüber; ohne Eindruck, ohne Berührung.

»Nabucco«: Plácido Domingo in der Titelpartie © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

»Nabucco«: Plácido Domingo in der Titelpartie

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

IV.
Riccardo Zanellato, der Zaccaria des Nachmittags, hatte sich sein Haus-Debut wohl anders vorgestellt: vor vollem Haus, vom Publikum bejubelt… Doch Grund zum Jubel fand ich wenig: Dieser Zaccaria bestritt seine Partie gänzlich ohne legato; mit flacher Stimme, die immer wieder unruhig flackerte. Oft nasal klang. Gewiß, »Sperate, o figli!« eröffnet den Abend nach dem in der italienischen Oper dieser Zeit unabdingbaren Choreinsatz. Doch auch die profezia im dritten Abschnitt versöhnte nicht, im Gegenteil: Nachdem der Gran sacerdote di Belo des Dan Paul Dumitrescu seine erste Phrase vollendet hatte, ertappte ich mich beim Gedanken, die beiden mögen doch, bitte, die Rollen tauschen…

V.
Die Partie des Ismaele war — als Rollen-Debut am Haus — Freddie De Tommaso anvertraut worden. Teile der Kritik hatten sich nach seinem Einstand als Pinkerton überaus positiv geäußert. Man gestatte mir, daß ich bei meinem Urteil bleibe: Ich fand es an diesem Nachmittag bestätigt. De Tommaso gebietet über ein durchaus leistungsfähiges Organ. Die feine Klinge, piano-Kultur, ist seine Sache ebensowenig wie jene des legato. Nasal klang das oft, was man hörte, und durchaus geräuschvoll; »aus dem Hals« gesungen, anstatt ein Stockwerk tiefer. Für einen Ismaele, einen Macduff mag das angehen. Für größere Aufgaben an einem ersten oder zweiten Haus scheint es, ein kenntnis­reiches Besetzungs­büro vorausgesetzt, zuwenig.

VI.
Besser, viel besser bestellt war es da um die Fenena der Szilvia Vörös. Die junge Sängerin, in Zeiten, als es in der Oper noch um Stimmen ging, gewiß als Sopranistin engagiert, bot die stimmlich beste Leistung. Vörös weiß legato zu singen, ihre Stimme sauber zu führen. Wie diese Fenena in ihrem Gebet am Ende eines manchmal lang scheinenden Spät­nachmittags ihre Phrasen gesanglich formte, anstatt sie, wie ihre Kollegen, durch frühzeitiges Atmen oder Verschlucken der letzten Silben zu beenden, ließ das Fundament hören, darauf zu bauen wäre. (Ich will nicht verschweigen, daß sich in lauten Passagen auch Vörös‘ Stimmsitz änderte, die Projektion der Stimme mitunter nicht zufriedenstellend funktionierte.)

»Nabucco«: Anna Pirozzi (Abigaille) bei ihrem Haus-Debut vor einem bis auf geladene Journalisten leeren Zuschauerraum der Wiener Staatsoper inmitten der bisher längsten ganztägigen Ausgangsbeschränkung während der <abbr>COVID-19</abbr>-Pandemie © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Nabucco«: Anna Pirozzi (Abigaille) bei ihrem Haus-Debut vor einem bis auf geladene Journalisten leeren Zuschauerraum der Wiener Staatsoper inmitten der bisher längsten ganztägigen Ausgangsbeschränkung während der COVID-19-Pandemie

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VII.
Anna Pirozzi war die zweite tragische Figur des Abends: Haus-Debutantin vor einem leeren Staatsopernrund auch sie. Die Partie der Abigaille galt und gilt vielen als unsingbar. Sie verlangt nach einem Spinto-Sopran mit ausgezeichneten technischen Fähigkeiten, um Verdis Intentionen gerecht zu werden. Pirozzi erfüllte nur die erste Voraussetzung. Ihre Abigaille wartete bereits ab dem ›f‹ mit flackernder Stimme auf, mit abgesetzten hohen, zu weit oszillierenden Tönen. Pirozzi formte die Töne mit dem Mund. Doch ist dieser zu breit, zu weit offen, werden die Gesangslinien instabil, ist kein legato mehr möglich. (Man glaube nicht mir. Man glaube den »Alten«; — und den Gesetzen der Akustik.) Pirozzi vermag die untere Stimmfamilie zu aktivieren — wenn eine Phrase dort beginnt. Sobald jedoch absteigende Phrasen zu bewältigen waren, verlor Pirozzis Stimme im Bereich über dem passaggio signifikant an Volumen. Die Cavatina »Anch‘io dischiuso un giorno« zu Beginn des zweiten Teiles gelang am besten, weckte Hoffnungen. Sie sollten sich im weiteren Verlauf des Abends nicht erfüllen.

VIII.
Es müßte schon mit dem Teufel zugehen, verstünde ein Opernchor nicht mit »Va’, pensiero« zu reussieren. Diesbezüglich mußte man sich also um den Staatsopernchor keinen Kopf machen. Allerdings waren im Laufe des Abends einige Unsauberkeiten, ein paar verschleppte Einsätze für jene, die Ohren ihr eigen nennen, nicht zu überhören (z.B. in Abigailles Cabaletta). Das Staatsopernorchester — tat Dienst. Mehr italianità, mehr Feuer, hätte der Vorstellung — Verzeihung, der Aufzeichnung — gut getan. Marco Armiliato war den Sängern ein (in manchen Passagen zu) rücksichtsvoller Begleiter, das Andante im Gebet des Zaccaria war eher ein Lento; andere Andante-Passagen maskierten sich als Adagio. Doch dann leidet die Agogik, die Tempo-Dramaturgie; verschieben sich die Verhältnisse.

IX.
Die Wiener Staatsoper versucht im Gespräch zu bleiben. Das ist löblich.
Der Nachweis der Systemrelevanz steht nach dem gestrigen Nachmittag allerdings aus.

125 ms