Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Rusalka«, 2. Akt: Jongmin Park (Wassermann) mit dem Brautkleid der schon unglücklich gewordenen Nixe Rusalka © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Antonín Dvorák: »Rusalka«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Das Haus am Ring überraschte mit einem stimmigen und musikalisch hervorragenden Abend, Rollen- und Haus-Debuts inklusive. Tomáš Hanus evocirte mit dem Staatsopernorchester Dvoráks volksliedhaften Ton, trug die Sänger auf Händen.
Eine dringende Empfehlung.

II.
Früher — war alles besser. Man ging in die Oper, las die Inhaltsangabe im Programmheft und folgte, der gesungenen Sprache nicht mächtig, dem Geschehen zwischen den Bühnenportalen. Heute entblößen die Ablenkung schaffenden Untertitelsysteme jede scenische Dummheit. Und deren gibt es viele in Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung: Wenn beispielsweise die erste Elfe im winterlichen Bühnenbild davon zu singen hat, wie die Glühwürmchen ihr blondes Haar umspielen. … Nein, nein: Des Spielvogt Arbeit wird auch beim wiederholten Wiedersehen nicht besser.

III.
So blieb die musikalische Seite des Abends. Und da gab’s kaum etwas auszusetzen. Dem Besetzungsbüro war es gelungen, die richtigen Sänger zu versammeln. Gewiß, die drei Elfen (Ulrike Helzel sowie Ileana Tonca und Margaret Plummer bei ihren Rollen-Debuts am Haus) könnten noch exacter zusammenklingen, sich ihrer spastischen »Tanzbewegungen« begeben. Allerdings: Wie sie sich in den volksliedhaften Ton des Eröffnungstrios hineinfanden, gleich den Rheintöchtern Alberich den Wassermann neckten, im dritten Akt die (doch eigentlich sommerliche) Nachtstimmung besangen: Dvorák im Volksliedton. Hörenswert.

IV.
Ebenso hörenswert: Jongmin Park als Wassermann. »Kleines Männchen«, wie von den Elfen besungen, ist der Koreaner keines. Doch was tut’s? Park verlieh dem Wassermann stimmliche Größe, prunkte mit ruhig fließender Stimme. Jenes Gaumige, Abdunkelnde, welches als Ruiz in Il trovatore so störte: Zur tschechischen Sprache des Wassermanns paßt es.

V.
Monika Bohinec sang die Ježibaba. Unaufgeregt, sich der Macht ihrer Rolle bewußt. Daß Bohinec’s Stimme im oberen Register zur Schrille neigt, manchmal den Focus verlor: Gestern abend war’s nicht wichtig. Die Besetzung der Partien der Ježibaba und der fremden Fürstin mit zwei Sängerinnen (wenngleich Kostümbildnerin Marianne Glittenberg für beide Federmäntel desselben Schnitts ersann — einmal in schwarz, einmal in weinrot) nimmt der Hexe ihre Giftigkeit, zeichnet sie freundlicher. Wissend, nicht berechnend.

Stephanie Houtzel als sein Leben bei Ježibaba aushauchender Küchenjunge und Gabriel Bermúdez als Heger wußten nicht nur ihre Genre-Scene des zweiten Aktes stimmlich überzeugend zu gestalten, sondern hatten auch sichtlich Spaß am Spiel. Und, dies vielleicht das Wichtigste: Die Darstellungen der beiden waren stimmig, fügten sich in nahtlos in den Fluß des Abends.

VII.
Elena Zhidkova — eine fremde Fürstin, wie sie im Buche steht. Kühl, abweisend, berechnend … innen lodert das Feuer. Und die Stimme! Bruchlose Registerwechsel. Focussierte Stimmführung. Gedeckte Spitzentöne. (Vorfreude kam auf beim Gedanken an die bevorstehenden Vorstellungen der Adriana Lecouvreur.)

»Rusalka«, 4. Akt: Die liebende Nixe Rusalka (Krassimira Stoyanova) mit ihrer Liebe, dem Prinzen (Dmytro Popov) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Rusalka«, 4. Akt: Die liebende Nixe Rusalka (Krassimira Stoyanova) mit ihrer Liebe, dem Prinzen (Dmytro Popov)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VIII.
Dazu Dmytro Popov als Der Prinz. Auch er mit Rollen-Debut am Haus. Popovs Prinz ist kein Draufgänger, kein Bruder Leichtfuß. Mehr Schwermut der stummen Rusalka gegenüber als offene Hinwendung zur fremden Fürstin. Auch er stimmlich ausgezeichnet, mit vollem, sattem Tenor, fließenden Übergängen im passaggio. … Ergreifend, wie er im dritten Akt Rusalka sein Leben zu deren Erlösung bot.

IX.
Rusalka, die kleine Wassernixe: Krassimira Stoyanova lieh — wie bereits in der Première — der ihre Sehnsüchte Lebenden Spiel und Stimme. Die Stoyanova: beseelter, ruhiger als noch 2014, nixenhafter. Bittend gegenüber der Hexe Ježibaba, im Ende den Prinzen ihre Hoffnungslosigkeit spüren lassend. Die Nixe schied wieder von der Menschenwelt. Auch Stoyanova transportierte die Seelenzustände Rusalkas stimmlich sehr, sehr gut, ein paar schärfere Spitzentöne inklusive.

X.
Der Höhepunkt des Abends: Tomáš Hanus bei seinem Haus-Debut am Pult des von Rainer Honeck geführten Staatsopernorchesters. Welche Farben! Welche Abwechslung! Wie Hanus im Verein mit dem Orchester die Dvorák’schen, volksliedhaften Melodien zum Leben erweckte, da antrieb (manchmal), dort abdämpfte (oft): Das bekommt man nicht alle Tage zu hören. Weich paßten sich die Holzbläser »zuwi«, kein Gickser trübte die Hörner, nicht roh und ungeschlacht ging es da zu (wie am Wochenende zuvor im Philharmonischen unter Andris Nelsons).

XI.
Die gestrige Vorstellung: Lange gesuchte Antwort auf die Frage, was einem dieses Werk vor dreißig Jahren so wert machte.
Ja … das war es.

985 ms