Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Il trovatore«, 2. Akt: Das Zigeunerlager im Spanien Gernal Francos mit Acuzena (Luciana D’Intino) vor ihrer großen Scene »Stride la vampa« © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Giuseppe Verdi: »Il trovatore«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Was Dominique Meyer als Paukenschlag zum Saison-Auftakt konzipiert hatte, büßte auf Grund der Absagen der prima donna und des primo uomo unversehens an Glanz ein. Das Ergebnis: solides Repertoire-Niveau mit einigen Überraschungsmomenten.

II.
Überraschung Nr. 1: Daß von Daniele Abbados Regie bereits in der sechsten Vorstellung mit erstmals geändertem Personal nur mehr die stereotypen Operngesten und die möglichst stimmoptimale Placierung der Protagonisten im Bühnenraum übrigblieb. Alleingelassen mit einem Nichts an Personenführung, agierte man mehr neben- denn miteinander. (Ausgenommen davon der Staatsopernchor bzw. die Statisterie, welche mit überzeugtem darstellerischen — und teils stimmlichen — Desinteresse an der Verlegung der Handlung aus der Zeit des 15. Jahrhunderts in das Spanien General Francos mitwirkten.) Des Spielvogt »Arbeit« und Graziano Gregoris unpassendes Bühnenbild: überzeugende Argumente für den Stagione-Betrieb, zwecks rascher Entsorgung von Mißlungenem.

III.
Überraschung Nr. 2: Luciana D’Intino als Azucena. Verdi war ja im Zweifel gewesen, ob seine Oper nicht »Azucena« heißen solle. Nach der gestrigen Vorstellung wußte man, warum: Die großen Szenen Azucenas markierten die Höhepunkte des Abends. D’Intino präsentierte sich in sehr guter stimmlicher Verfassung, wußte den Haß, die Sorgen und Nöte der Zigeunerin aus der Musik heraus zu gestalten. Ob die ersten Bilder des zweiten oder des dritten Aktes, ob im Finale: Die dank D’Intinos legato erst mögliche Bühnenpräsenz überzeugte.

IV.
Überraschung Nr. 3: Der Conte di Luna des George Petean. Nach hörbar schwachem Beginn sang Petean »Il balen« mit gut geführter, fließender Stimme: — wenngleich in einer alternativen, von Verdi so nicht autorisierten Fassung ohne Spitzenton. Dazwischen: oftmaliges Forcieren. (Warum?) — Die sängerische Qualität jener Scene sowie des Duetts mit Leonora im vierten Akt allerdings: mehr als nur Rechtfertigung des Engagements. Ach, sänge Petean doch ganze Abende so! Ein Platz in der ersten Reihe der Verdi-Baritone unserer Tage wäre ihm gewiß.

V.
Überraschung Nr. 4: Yusif Eyvazovs mit scheinbar unendlichen Kraftreserven ausgestatteter Manrico. Eyvazov, Opernfreunde wissen es, zählt nicht zu den begnadeten Singschauspielern. Aber welch’ Virilität, welch’ (ungezügelte) Kraft in der Stimme! Der aus Aserbaidschan stammende Tenor huldigt der leider immer mehr aus der Mode kommenden, italienischen Gesangstradition, auch die Töne des hohen Registers aus der Bruststimme heraus zu entwickeln. Das Ergebnis: ein kontinuierliches Beimischen der Kopfstimme mit einheitlichem Klangbild.

Eyvazovs Damaskus-Moment: Das Miserere im vierten Akt, von der Seitenbühne aus gesungen. … Auf einmal blühte die Stimme, klang befreit, ungezwungen, rein und klar. (Wenngleich immer noch mit viel Metall darin.) Dazwischen leider: (zu)viel Krafteinsatz, oftmals gequetscht, unfrei klingendes Material. Da entschädigte auch eine zweistrophige stretta mit mühelos placierten Spitzentönen nicht. Meine Gedanken schweiften: Was wohl passierte, zwänge man Eyvazov, den Manrico einen Abend lang differenzierend nicht lauter als piano zu singen? Mögliches Ergebnis: ein überraschend schönes.

»Il trovatore«, 4. Akt: Leonora (Maria José Siri) scheidet in Manricos (Yusif Eyvazov) Armen dahin © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Il trovatore«, 4. Akt: Leonora (Maria José Siri) scheidet in Manricos (Yusif Eyvazov) Armen dahin

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VI.
Maria José Siri, für Anna Netrebko als Leonora eingesprungen, schien keinen guten Abend erwischt zu haben. War es die Aufregung? War es die Partie? Siris Spitzentöne gerieten durchwegs ungedeckt und scharf, einige zu hoch oder zu tief. Erst im vierten Akt, als sie sich im Duett dem Conte di Luna im Austausch für Manricos Freilassung anbot, gelangen ihr die bei Verdi doch so wichtigen weiten Bögen, entfaltete die Stimme der aus Uruquay gebürtigen Sopranistin jene Schönheit, um derer willen man sie an den internationalen Häusern bucht...

VII.
Leider weiß ich auch von Jongmin Parks Ferrando nichts Überschwengliches zu berichten. So spannungsarm hatte ich die erste Scene (auch von den Choreinsätzen her) nicht in Erinnerung. Fast schien mir, als ob Park seine Stimme zu vergrößern suchte. (Was, wie Christian Gerhaher einmal erklärte, viele Sänger dadurch zu erreichen trachten, indem sie die Stimme »nach hinten« nehmen, um ihr einen größeren Resonanzraum zu geben und damit mehr Volumen.) Jedenfalls klang Parks Stimme in meinen Ohren gaumig und abgedunkelt, mit vielen unschönen Vokalverschiebungen.

VIII.
Die musikalische Leitung des Abends war wie in der Premièren-Serie Marco Armiliato anvertraut. Der Maestro bemühte sich nach Kräften um einen differenzierten Orchesterklang und die Koordination zwischen Bühne und Graben: — fortgesetzter Erfolg wollte sich dennoch nicht einstellen. Vieles blieb da im Ungefähren, auch beim Staatsopernorchester mit José Maria Blumenschein als Konzertmeister. Mehr Beruf denn Berufung.

IX.
Der gestrige Abend: bot einiges Schönes im Kleinen, immerhin. Auch daran mag man sich erfreuen.

250 ms