Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

Cimetière de Montmartre © Thomas Prochazka

© Thomas Prochazka

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Feuilleton

Helga Winkler zum Gedenken

Von THOMAS PROCHAZKA

Am Montag, den 6. November, brach die vielen Stammgästen seit Jahrzehnten vertraute Billeteurin während der Vorstellung zusammen und konnte auch von den herbeigeeilten Hilfskräften nicht mehr gerettet werden.

Helga Winkler gehörte seit Jahrzehnten zum vertrauten und liebgewonnenen Personal des Hauses. Wann immer sie Dienst hatte, »regierte« sie den Parterre-Stehplatz mit mütterlicher Strenge: Im steten Bemühen, das Haus möge Einmalbesuchern dasselbe, großartige Erlebnis bieten wie häufig wiederkehrenden Gästen. »Heut’ hat ›die Winkler‹ Dienst«, war jenen, welche sie nicht so gut kannten, Ausdruck der Hochachtung für ihr Bemühen.

Was ihr an Körpergröße fehlen mochte, machte Helga durch Resolutheit wett. Und diese machte vor den Studierenden der Ballettschule ebensowenig halt wie vor Stammgästen oder Solo-Cellisten des Staatsopernorchesters, welche glaubten, sich nicht an die Regeln halten zu müssen.

»Die Winkler« … Sie wurde vielen von uns über die Jahre zu »unserer Helga«. Wenn sie im Mai für vier Wochen aufbrach, um den Jakobsweg zu gehen, lief der Austausch der Nachrichten trotzdem weiter. Man ließ sie grüßen, wußte immer, wie es ihr ging. Wie sie sich im Gegenzug über die Vorstellungen in Wien berichten ließ. Nach Helgas Rückkehr, wenn ihre Augen strahlten bei den Erzählungen, war alles gut. Selbst dann, wenn es die Vorstellungen nicht waren. Und die spanischen Stehplatzbesucher profitierten von Helgas Sprachkenntnissen — ihr persönliches Service.

Dem weniger bekannten Repertoire wie Strauss und Wagner galt ihre Liebe. »Da ist was los im Orchester«, sagte sie öfter.

Und wenn einer der jungen Musikstudenten, die jahrelang am Stehplatz ihre Gäste gewesen waren, den Sprung in den Orchestergraben und damit ins Orchester der Wiener Staatsoper gefunden hatte, machte sie das glücklich. Beim jährlichen Opernprojekt der Musikuniversität Wien saß sie ebenso im Publikum wie bei privat veranstalteten Liederabenden. Auch die anderen Häuser, nicht nur in Wien, waren ihr von vielen Besuchen vertraut: Händels Ariodante im Theater an der Wien begeisterte sie ebenso wie Stefan Mickischs Veranstaltungen im Konzerthaus.

Helga reiste nach Berlin zu Meyerbeers Les Huguenots — »Des muaß ma einfach g’seh’n hab’n« — ebenso wie nach Bregenz, Graz oder Linz. Für Mai 2018 hatte sie eine Reise nach Paris geplant, zur Neuproduktion des Parsifal, mit Günther Groissböck als Gurnemanz. Auf Groissböck hielt sie große Stücke, bedauerte, daß er so selten an die Wiener Staatsoper engagiert wurde.

Und wenn Helga einmal nicht in der Oper anzutreffen war, durchstreifte sie die Bücherflohmärkte in Wien und Umgebung, hamsterte und las. »Ich komm’ halt immer mit an Büch’l oder zwei nach Hause«, meinte sie dann entschuldigend.

Uns Stammgäste (und ihren Kollegen) muß trösten, daß Helgas Heimgang in jenem Haus erfolgte, welches sie liebte. Ihre nächsten Dienste wären Janáčeks Kát’ja Kabanová und Verdis Un ballo in maschera gewesen…

Wir … wir vermissen sie schon jetzt. … Neigen unsere Köpfe in Trauer, wischen uns die Tränen von der Wange und verabschieden uns mit Gustavos letzten Worten: Liebe Helga, »per sempre … Addio«.

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