Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Le nozze di Figaro«, 1. Akt: Susanna (Andrea Carroll) zeigt wenig Verständnis für die Troubadour-Ambitionen Cherubinos (Margarita Gritskova) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Wolfgang Amadeus Mozart:
»Le nozze di Figaro«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Die Segnungen des Repertoires: in bekannten Inszenierungen neue Sänger entdecken, wiederkehrende beim Rollentausch beobachten. Und sich darüber zu freuen, wenn die Papierform nicht nur das erwartete Ergebnis, sondern darüberhinaus Überraschungen bereithält.

II.
Schon die Ouverture gab Aufschluß über die große Linie, welche der Abend nehmen sollte: musikantisch, geerdet. Den aufrührerischen Elementen Sympathie bekundend. Nicht aber dem Adel verpflichtet mit jener Eleganz, welche andere Dirigenten in Mozarts Partitur entdecken. Auch erwies sich das Staatsopernorchester mit Rainer Honeck als Konzertmeister einmal mehr als treibende Kraft des Abends. Ádam Fischer, l’atout vieler Mozart-Abende in den letzten Jahren, ließ beherzt aufspielen, bereitete dem folle journée die gebührende Ehre.

III.
Der Hausherr, Dominique Meyer, hatte im letzten Publikumsgespräch Jean-Louis Martinotys Regiearbeit beredt verteidigt. Darf man darob trotzdem Einwände vorbringen? Etwa der Art, daß — beispielsweise — der Conte d’Almaviva bei »Hai già vinta la causa!« selbstverständlich allein auf der Bühne zu sein hat? Daß dieser Adelige am Vorabend der französischen Revolution seine Wut, abermals übertölpelt worden zu sein an diesem folle journée, in dieser Form niemals gegenüber den Bediensteten kundtäte? Oder daß Barbarinas Nadel-Arie gesungener Ausdruck ihrer Ängste ist und sie daher ebenfalls Anspruch erheben darf, dafür allein zu sein? (»Barbarina sola« vermerkt die Partitur.) Mozarts Zeitgenossen wie frühere Generationen von Opernfreunden wußten Barbarinas Text zweifellos zu decodieren.

Man sieht: Es gäbe der Meyerschen Ansicht einiges entgegenzuhalten, im historischen wie im musikalischen Kontext...

»Le nozze di Figaro«, 2. Akt: Dicke Luft im Haushalt Almaviva (Carlos Álvarez und Dorothea Röschmann) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Le nozze di Figaro«, 2. Akt: Dicke Luft im Haushalt Almaviva (Carlos Álvarez und Dorothea Röschmann)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

IV.
Auf der Bühne droben indeß: das erwartete Ergebnis. Ein äußerst spielfreudiges Ensemble mit einigen Rollen-Debuts in der laufenden Serie ließ ein erst kürzlich erfolgtes, szenische Studium ihrer Partien erahnen. So eignete dem Abend (auch) dank der Unterstützung aus dem Graben eine wohltuende Dynamik.

Das erwartete Ergebnis: Carlos Álvarez als alles überstrahlender Conte d’Almaviva. Wie schon in der letzten Spielzeit als Figaro überzeugte Álvarez mit sicher geführter Stimme und guter Diktion, gedeckten Spitzentönen — ein Sänger eben. Und ein Adeliger vom Scheitel bis zur Sohle, selbst in seinem Casanova-Dasein.

Dorothea Röschmann, des Conte Rosina, vermochte da nicht mitzuhalten: Rauh klang ihre Stimme bis weit in den dritten Akt hinein, zuweilen scharf im mittleren und oberen Register. Zudem hinterließen sowohl »Porgi amor« als auch »Dove sono« einen eher beiläufigen Eindruck, entbehrten wünschenswerter musikalischer Gestaltung.

V.
Elisabeth Schwarzkopf bemerkte einmal in einer Meisterklasse, daß die Partie des Cherubino nicht besonders groß sei. Aber Cherubinos würden in der Branche gut bezahlt, da die Arien gesangstechnisch einige Herausforderungen bereithalten. Diese Erfahrung blieb auch Margarita Gritskova bei ihrem Wiener Rollen-Debut nicht erspart. Und nein, daran ändern auch zum Teil hymnische Rezensionen bei den Salzburger Festspielen 2015 nichts. »Non so più cosa son, cosa faccio« lebt von den fortwährenden Tempo- und Lautstärkenänderungen: — diese nicht zu formen, musikalisch nicht zu gestalten macht Mozarts Bemühungen um die Charakterisierung dieser Figur zunichte. Gritskova sang, das ja, aber mit teilweise wechselndem Stimmsitz (vor allem in »Voi che sapete«).

VI.
Adam Plachetka steht der Figaro bei weitem näher als der Conte d’Almaviva, das ja. Allerdings suchte der gebürtige Prager stimmliche Defizite durch druckvollen Gesang und übertriebenes Spiel wettzumachen. Merke: Physische Aktivität auf der Bühne entschädigen nicht für im Falsett gesungene Höhen und musikalisch eintönig servierte Arien. »Se vuol ballare signor Contino« etwa: Es erklang musikalisch ebenso belanglos wie der »Hit« »Non più andrai farfallone amoroso«. Plachetka als Figaro: an diesem Abend eine Enttäuschung.

VII.
Ähnliches muß auch von Ryan Speedo Green, dem Don Bartolo des Abends, berichtet werden. Wie sein Vorgänger brachte er das Kunststück zuwege, für »La vendetta, oh la vendetta« keinen Applaus zu erhalten. … Ulrike Helzel war wieder die Marcellina. Jedesmal begleiten sie meine besten Wünsche; — und jedes Mal werde ich auf’s Neue enttäuscht von Helzels stimmlicher Darbietung. … Maria Nazarova war eine spielfreudige Barabarina, bot scenisch viel. »L’ho perduta … me meschina« allerdings — war mir kein bleibender Eindruck.

»Le nozze di Figaro«, 1. Akt: Susanna (Andrea Carroll) zeigt wenig Verständnis für die Troubadour-Ambitionen Cherubinos (Margarita Gritskova) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Le nozze di Figaro«, 1. Akt: Susanna (Andrea Carroll) zeigt wenig Verständnis für die Troubadour-Ambitionen Cherubinos (Margarita Gritskova)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VIII.
Die Überraschung des Abends (und doch wiederum nicht) bot Andrea Carroll bei ihrem Wiener Rollen-Debut als Susanna. Carroll ist keine lyrische Susanna wie etwa Hilde Güden eine war. Auch keine gelangweilte Bedienstete wie die meisten ihrer Rollenvorgängerinnen der letzten Jahre — sondern eine resolute junge Frau, der Contessa mehr Freundin denn Untergebene. Die Stimme der in Bethseda, Maryland (U.S.), aufgewachsenen Sopranistin verfügt über eine in diesem frühen Stadium der Carrière beachtliche Strahlkraft, hinterläßt den Eindruck einer profunden Gesangstechnik. … Hin und wieder wünschte ich mir mehr von jener stimmlichen Bedachtsamkeit, welche beispielsweise »Deh vieni non tardar« zu noch größerem Eindruck verhülfe. Alles in allem jedoch: Da löste eine Sängerin ein, was im September 2015 als paggio im Rigoletto bereits versprochen worden war.

Edelsteine im Repertoire: Es gibt sie.

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