Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

Der Berliner Alexanderplatz; in der Bildmitte das Grand Hotel, ganz rechts die Tabakwarenfabrik von Loeser & Wolff <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Alexanderplatz_1903.jpg">Wikimedia Commons</a>

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Feuilleton

Drei harmlose Unterhaltungen über die junge Sängerwelt (III)

Von LUDWIG HESS

Unterhaltung (bei Gesangsmeister Z.)

Gesangsmeister Z.:
Für heute fünfzehn Stimmprüfungen angemeldet! Notieren Sie, Herr Schulz!
(Schulz sein Sekretär, im offenen Nebenzimmer):
Fünfzehn.
Gesangsmeister Z. (zu Müller, dem Begleiter):
Gestern zehn Stunden und zwanzig Stimmprüfungen, tolles Geschäft, was? Wenn's noch so drei Jahre fortgeht, ziehen wir uns zurück, was?
Müller:
Sie schon, Herr Z.!
(Derselbe Herr В., der vorhin den Professor A. konsultierte, wird von dem Diener herein und an den Tisch des Sekretärs geführt.)
Schulz:
Fünfzig Mark, Herr B.!
Herr В.:
Ich komme doch nicht zur Stunde, nur sozusagen zur Konsultation 
Schulz:
Die halbe Stunde dreißig, die ganze fünfzig Mark; pränumerando!
Herr В.:
Also dreißig. Guten Tag, Herr Z.!
Gesangsmeister Z.:
Herr В., nicht wahr? Ich hörte schon von Ihren außerordentlichen Erfolgen durch Ihren Agenten V. Sie wünschen, meinen Rat über Ihre hier geplanten Liederabende zu hören. Hätten Sie die große Freundlichkeit, mir etwas vorzusingen? Ja? Sehr nett. Famos. Nicht wahr, Sie sind Heldentenor?
Herr В.:
Mehr maskulin gefärbter lyrischer.
Gesangsmeister Z.:
Wie schön! Das ist ja das herrlichste auf der Welt! Sie gehen doch selbstverständlich zum Theater?
Herr В.:
Meine Chancen als Konzerttenor sollen noch glänzender sein.
Gesangsmeister Z.:
Bei Ihrer wunderbaren heroischen Figur und dem ausgesprochenen Siegfried-Kopf nimmt mich das Wunder! Darf ich Ihre Stimme einmal hören?
Herr В. (legt die Grals-Erzählung auf, singt, von Müller begleitet, das letzte a auf »Ritter« schlägt um.)
Gesangsmeister Z.:
Wunderbare Stimme! Phänomenal! Ein zweiter Caruso! Und ergreifend im Vortrag, wirklich herzergreifend! Das kleine Malheur auf dem hohen b…
Müller:
a, Herr Z.
Gesangsmeister Z.:
a, natürlich, versprach mich — auf dem hohen a bedeutet gar nichts, mal eine kleine Indisposition.
Herr В.:
Ehrlich jestanden, kixt das a und alles nördlich davon öfters, sonst glaub ich allerdings meine Stimme zu beherrschen.
Gesangmeister Z.:
Also es würde sich natürlich nur für ganz kurze Zeit, vielleicht zehn bis zwanzig Stunden, um das Trainieren der höchsten Höhe handeln. Wenn Sie Vertrauen zu mir haben, garantiere ich Ihnen den kleinen Schaden in vier, höchstens acht Wochen zu reparieren; denn sonst ist die Ausbildung einfach ideal zu nennen, welche Aussprache, welcher Tonsitz und vor allem welche Ton-Qualitäten!
Herr В.:
Ich würde bestimmt in acht Wochen eine sichere Höhe haben?
Gesangsmeister Z.:
Ohne jeden Zweifel.
Herr В.:
Darf ich um Ihre Bedingungen bitten?
Gesangsmeister Z.:
Das verabreden Sie dann gleich mit meinem Sekretär!
Herr В.:
Über zwanzig Mark die Stunde könnte ich aber nicht hinausgehen.
Gesangsmeister Z.:
Mein junger Freund! Sie können zu sogenannten maestri di canto gehen, die Sie für eine Mark fünfzig Pfennige unterrichten oder auch ganz umsonst — ob Sie aber, ohne meinen hochgeschätzten Kollegen in der Gesangspädagogik zu nahe treten zu wollen, dort Ihren Jodler auf dem hohen a — Sie verzeihen meine saloppe Sprache —verlieren, das möchte ich mir zu bezweifeln erlauben. Ich will Ihnen aber bei Ihrem phänomenalen Talent gern den Ausnahmepreis dreißig Mark pro Stunde, d.h. für vierzig Minuten, machen; das ist die Hälfte meiner sonstigen Bedingungen.
Schulz (von nebenan):
Also 240 Mark pränumerando für achtmal 40 Minuten.
Herr В.:
Also jut, einverstanden! (Herzliches shake-hands.)
Herr В.:
Meinen Sie Herr Z., daß ich neben diesen Studien bei Ihnen, meine geplanten hiesigen Liederabende absolvieren kann?
Gesangsmeister Z.:
Natürlich! Haben Sie schon ein Programm?
Herr В.:
Jawohl; sehen Sie hier: Drei altitalienische Arien von Marcello, Scarletti und Porpora, Pylades-Arie von Gluck, Jephta-Arioso von Händel, »An die Hoffnung« und »Liederkreis« von Beethoven.
Gesangsmeister Z. (sich biegend vor Lachen):
Mein Lieber, das ist doch nicht Ihr Ernst! Das ist unmöglich und überhaupt kein Programm!
Herr В.:
Aber man kann doch seine Jesangskunst zeigen und es hat Stil!
Gesangsmeister Z,:
Stil! Stil! Wissen Sie, was Stil ist: Langstieligkeit! Langeweile! Wer um Gotteswillen hat Ihnen das geraten?
Herr В.:
Herr Professor A., den ich vor drei Wochen konsultierte.
Gesangsmeister Z.:
Junger Freund! Man heißt nicht ungestraft Professor! Soweit ich Professor R. kenne, schätze ich ihn sehr hoch …
Müller (kriegt am Klaviere einen Lachkrampf, den er dann in ein Mittelding von Husten und Niesen dezent zu verwandeln sucht).
Gesangsmeister Z.:
Prosit, lieber Herr Müller! Ich schätze, wie gesagt, Kollegen A. sehr, sehr hoch, er hat nur ein furchtbares Pech mit seinen Schülern, indem sie alle die Stimme verlieren, wozu natürlich — ich bitte mich nicht mißzuverstehen — Kollege Professor gar nichts kann, und dann hat er sogenannte Ideale, die aber nach meiner, in der rauhen Welt gehärteten Meinung gar keinen Wert haben. Alles Theorie! Zu wenig Menschenkenntnis!
Herr В.:
Darf ich Ihnen ein anderes Programm vorlegen? (Er zeigt das von Professor A. verworfene bunte Programm.)
Gesangsmeister Z.:
Bravo! So ist es recht! Sehen Sie, da kommt jeder Geschmack auf seine Kosten! Oratorium, Oper, lauter dankbare Lieder — »Reißer« sagen die Herren Professoren! — vierzehn Komponistennamen! Ebenso künstlerisch wie unterhaltlich! Hüten Sie sich vor den Stil-Programmen! — Und wie viel Liederabende beabsichtigen Sie zu geben?
Herr В.:
Je nach den Kritiken, zwei oder drei.
Gesangsmeister Z.:
Viel zu wenig! Eine Individualität, eine Persönlichkeit, wie Sie, muß mindestens acht Liederabende geben. Sehen Sie, Ihr Name, der übrigens famos, wie prädestiniert zur Berühmtheit, klingt, hängt dann wochenlang täglich und stündlich an den Litfaßsäulen, die Zeitungen sind ewig wie gespickt mit Annoncen, was auch nie was schadet, Sie machen sich die Saalbesitzer, die Arrangeure, die Agenten, sozusagen die ganze Welt, auf die es ankommt, zu Freunden. Und singen Sie ja nie sogenannte »moderne Musik«! Das schreckt die Leute, sie wollen immer wieder dieselben lieben alten Sachen hören…
Müller (wischt sich eine Träne ab).
 
Geangsmeister Z.:
… oder allenfalls, was gerade »aktuell« ist. Lassen Sie dumme Idealisten die Maulwürfe sein! Lieber selbst den Rahm abschöpfen, als zusehen dürfen.
Herr B. (selig ihm die Hand reichend):
Sie sind mein Mann! Wie soll ich das je Ihnen danken? — Ich darf morgen zur ersten Stunde kommen?
Schulz (von nebenan):
Von neun dreißig bis zehn zehn.
(Verabschiedung, Herr B. geht.)
 
Gesangsmeister Z. (nach der Uhr sehend, für sich):
Hat mich doch dieser Talentlösling volle vierzig Minuten aufgehalten. (Laut, zu Müller) Scheußlich, so ein dummer Kerl, was?
Müller:
Die Stimme ist sehr reizlos, aber…
Gesangsmeister Z.:
Dafür gar kein Temperament…
Schulz (nebenan, Geld zählend, für sich):
… aber die für dieses Institut notwendigen Eigenschaften.

Kammersänger Ludwig [Konrad] Hess (1877 – 1944) war Tenor, Dirigent, Komponist und Professor an der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. Dieser Beitrag von Ludwig Hess erschien in » ›Der Merker‹. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater«. Jahrgang I, Teil I, Oktober – Dezember 1909, Heft VI, S. 230ff. Via HathiTrust Digital Library.

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