Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Un ballo in maschera«, 1. Akt: George Petean (Renato/Graf René Ankarström) und Piotr Beczała (Gustavo/Gustaf III.) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Giuseppe Verdi:
»Un ballo in maschera«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Die gestrige Vorstellung von Un ballo in maschera an der Staatsoper: gediegenes Repertoire-Niveau, sieht man ab vom alles überstrahlenden Gustavo Piotr Beczałas. Und von Bonigwe Nakani als Ulrica.
(So waren, in Kürze, die Begebenheiten.)

II.
»Häßlich« seien sie, die Bühnenbilder Emmanuele Luzzatis, finden Mitglieder des Feuilletons, kaum anzusehen in ihrer Pappmaché-Machart. … Ihnen sei das Studium der Vita des »Theaterkönigs« Gustaf III. ebenso ans Herz gelegt wie ein frischer Blick auf die Meisterwerke italienischer Malkunst: Vielleicht eröffnete ihnen ein zweiter Blick den Hintersinn der die Musik betreffenden Ausschnitte aus Giovanni Battista Tiepolos (1696–1770) 677m2 umspannenden Decken-Fresco aus der Würzburger Residenz… Vielleicht erkennten sie dann die Machart der Kulissen als Tribut an diesen musik- und theatervernarrten Herrscher. Und die Reproduktion des Ölgemäldes im vierten Akt als Referenz an Stockholm, das »Venedig des Nordens«… — Vielleicht.

III.
Die musikalische Leitung von Verdis Un ballo in maschera ward, wie schon in der Vergangenheit (und auch in den nächsten Jahren), Jesús López Cobos anvertraut. Dies garantierte für eine solide Aufführung: — jedoch nicht mehr. Spannungsarmut schon in den Ulrica-Scenen des ersten Aktes, ebenso im zentralen Liebesduett des zweiten, so manche Unsicherheit in der Chorführung. Da ließ auch das von Albena Danailova angeführte Staatsopernorchester nebst einigen Irritationen aus dem Graben nicht mehr als die Lust zum »Dienst« erkennen.

III.
Maria Nazarova ward als Oscar aufgeboten und outrierte sich durch ihre Partie, daß es keine Freude mehr war. Gesanglich punktete das Ensemble-Mitglied mit sicheren Höhen und einer ebensolchen Mittellage. Sobald es als allerdings in die tiefen Regionen abzusteigen galt, verlor die Stimme rasch an Volumen. Nazarovas Leistung erinnerte mich an Edda Mosers Ausspruch, man müsse an der Tiefe arbeiten, dann stelle sich die Höhe von selbst ein.

IV.
Wie anders präsentierte sich da Bongiwe Nakani als Ulrica: Mit kräftigem Alt und in allen Registern gut geführter Stimme hielt sie sogar mit dem Gustavo des gestrigen Abends mit. Ausdrucksstark in Stimme und Spiel, dämonisch und verführerisch, machte das junge Ensemble-Mitglied einige international höher gehandelte Rollenvorgängerinnen vergessen. Ein Versprechen für die Zukunft.

V.
Leider kann von Kristin Lewis in der Partie der Amelia Gleiches nicht berichtet werden. Die U.S.-Amerikanerin schien sich den ganzen Abend hindurch nicht wohlzufühlen. Im Spiel äußerst zurückhaltend, ließ auch ihre sängerische Leistung viele Wünsche offen: Intonationstrübungen sonder Zahl galt es ebenso zu konstatieren wie schrill klingende Höhen und wenig Bereitschaft zu einer legato geführten Stimme, Königsdisziplin des Belcanto. Selbst das Liebesduett mit Gustavo, sonst Höhepunkt jeder Ballo-Vorstellung, vermochte nur wenig Emotionen im Auditorium hervorzurufen. Kunststück, sangen doch Sopran und Tenor die meiste Zeit links und rechts an der Rampe stehend… Man sei ein Wahrheitssager: Gestern abend blieb die Lewis hinter den in sie gesetzten Erwartungen zurück.

VI.
George Petean kehrte uns als Renato wieder. Im »Eri tu« allein blitzte kurz jene stimmliche Behandlung der Partie auf, welche man gerne den ganzen Abend hindurch genossen hätte. Arienvortrag statt Opernvorstellung. … Elegant geführte Linien, große Bögen, Italianità: — gestern mußte ich sie größtenteils missen. Auch wäre darstellerisch ein Mehr durchaus zu begrüßen gewesen. … Beamter, nicht Botschafter. Petean ist ein solider Sänger, das gewiß. Doch die großen Momente, derentwegen das Publikum seine Verdi-Baritone liebt: Sie ereignen sich an anderen Abenden.

VII.
Piotr Beczała war als Gustavo nicht nur in seiner Rolle der König des Abends. Man mag einwenden, daß der Pole seine Stimme über weite Strecken kraftvoll führte, sein Tenor jenes Schmelzes gebrach, welchen die Natur den aus romanischen Ländern gebürtigen Kollegen als Zuwaag’ in die Kehle legt. Doch daß Beczała seine Stimme in guter italienischer Tradition zu gebrauchen weiß, fast mühelos im passaggio operiert und seinen Spitzentönen, egal in welcher geforderten Lautstärke, jedes Falsettieren fremd ist — wer wollte dies bestreiten? Ein fast idealer Interpret dieser Partie war da am Werk. Grund genug zur Rechtfertigung eines Vorstellungsbesuches.

VIII.
Piotr Beczała also: Fixstern des Abends. Ansonsten: keine besonderen Vorkommnisse. Leider.

 

250 ms