Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

Giovanni Battista Tiepolo(1696–1726): »Apollo e Dafne« (1743/44); Louvre, Paris (France) <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a> · Sailko

CC BY-SA 3.0 · Sailko

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Daphne – Mythos und Legende in der Kunst

Von MICHAEL KREBS

Wie ein roter Faden zieht sich die Legende um die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum durch die musikalische, literarische und bildnerische Kunstwelt.

Bereits die Vorlage für die erste nachweisbare Oper der Musikgeschichte basiert auf dem Daphne-Mythos (Komponist: Jacopo Peri, 1597). Weitere Vertonungen schufen Heinrich Schütz, Georg Friedrich Händel und der Wiener Hofkapellmeister Antonio Caldara. Nicht zuletzt beschäftigten sich auch Franz Schubert (»An die Quelle«) und Richard Strauss mit dem Stoff. 

Von Ovid und Plutarch sind Bearbeitungen des Sagenstoffes bekannt. Die Legende um Daphne inspirierte zahlreiche bildende Künstler, wobei natürlich der Augenblick der Verwandlung der Nymphe in den Lorbeerbaum im Vordergrund steht (z.B. bei der Marmorgruppe »Apollo und Daphne« von Giovanni Bernini in der römischen Villa Borghese). Für die szenische Realisierung der Uraufführung am 15. Oktober 1938 in Dresden unter Karl Böhm (Widmungsträger des Werkes) wünschte Richard Strauss, dass man sich Anregungen beim Gemälde »Primavera« von Sandro Botticelli oder einem Rubenschen Gemälde mit dem Sujet Apollos nehmen sollte.

Die meisten Interpretation des Daphne-Mythos' gehen auf zwei mögliche Sichtweisen zurück:

Im Vordergrund steht bei der ersten Betrachtungsweise die künstlerische Überhöhung und Vollendung der reinen, unschuldigen und naturgebundenen Nymphe Daphne. Von Apollo mit liebender Gier verfolgt, flüchtet Daphne zu ihrem Vater, dem Künstler Peneios, mit der Bitte um Schutz durch die Verwandlung in den Lorbeerbaum: unantastbares Kunstwerk, geschaffen durch den wahren Künstler.

Der zweite Interpretationszugang besteht in der Vorstellung der Rückkehr zu reinen Natur. Wiederum wird das von Apollo, dem Gott, und dem menschlich dionysischen Leukippos verfolgte, reine Geschöpf durch den Tod von Leukippos und dem sich seiner Verfehlung bewußt gewordenem Gotte auf dessen Bitte hin von Zeus in den Lorbeerbaum verwandelt. Dieser Baum ist Apollo heilig. Im Gedenken an Daphne und seine Liebe trägt Apollo einen Lorbeerkranz.

Wie deutete Richard Strauss in der nicht immer konfliktfreien Zusammenarbeit mit Joseph Gregor den Daphne-Mythos?

Für Strauss ist Daphne »die menschliche Verkörperung der Natur selbst, die von den beiden Gottheiten Apollo und Dionysos, den Elementen des Künstlerischen, berührt wird«. Apollo »vergeht sich gegen seine Gottheit, indem er mit dionysischen Gefühlen sich Daphne naht, die diese Untreue im Kuß fühlt«. Daphne kann weder Apollo noch Leukippos (Dionysos) angehören. Apollos Kuss erweckt in Daphne »nur Schrecken, Staunen und Schmerz, da sie das Licht, das sie bisher nur gesehen, nunmehr in sich als Glut fühlt!«

Daphne, von Apollo und Leukippos betrogen, »kann auch nicht weiter leben, nachdem sie einmal durch den Dionysostrank ihrer wahren Natur untreu geworden. Da findet der Gott zu seiner eigenen Läuterung und zu ihrer Erlösung das Wunder der Verwandlung in den Lorbeer!«

Das Erkennen des Gottes Apollo durch die Nymphe ist die Voraussetzung der Verwandlung Daphnes in reine Natur und gleichzeitig in reine Kunst. (Die Entscheidung, die Schlußszene instrumental zu gestalten, entwickelte Strauss übrigens in Gesprächen mit dem Dirigenten Clemens Krauss und Regisseur Lothar Wallerstein.)

Stefan Zweig lobte Richard Strauss für seinen »gesunden und robusten Theatersinn«. Zweig: »Wo er und Hofmannsthal verschiedener Meinung waren, hat in jenem Briefwechsel eigentlich Strauss immer klarer gesehen.« Als Beispiel angeführt sei die Forderung von Strauss nach einer »großen Auseinandersetzung zwischen Apollo, Leukippos und Daphne, in der Daphne ihre jungfräuliche Stellung beiden gegenüber ausdrücklich darlegt: Verehrung für den Gott, den sie ahnt, schwesterliche Liebe zum Freunde ihrer Jugend.«

Als Grundlage des Dramas treten bei dem Fest die beiden Götter Apollo und Dionysos einander gegenüber, »also Eifersucht Apollos gegen Dionysos« in der Gestalt Leukippos’, der zum Opfer wird.

Die Oper Daphne

Für die Wiener Erstaufführung am 25. April 1940 unter Rudolf Moralt gab Strauss als Anregung das Gemälde »Apollon et Daphné« von Nicolas Poussin an.

Ursprünglich bestand der Plan, die beiden komplementären Einakter Friedenstag und Daphne zusammen zur Uraufführung zu bringen. Friedenstag wurde allerdings bereits am 24. Juli 1938 in München unter Clemens Krauss, Daphne am 15. Oktober 1938 in Dresden unter Karl Böhm uraufgeführt.

Richard Straus schätzte Daphne sehr, seine Frau Pauline hielt sie für sein bestes Werk. Einige Wochen vor Strauss’ Tod bat ein Filmteam, welches für Aufnahmen bei Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen zu Besuch war, um eine abschließende Klavierinterpretation. Strauss spielte die Verwandlungsmusik, das Finale aus Daphne

(In Zusammenarbeit mit Rupert Strobl.)

Vorstellungen der Oper Daphne finden im Rahmen der »Richard Strauss-Tage« an der Wiener Staatsoper am 1., 4. und 7. Dezember 2017 statt.

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