Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

Der Berliner Alexanderplatz; in der Bildmitte das Grand Hotel, ganz rechts die Tabakwarenfabrik von Loeser & Wolff <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Alexanderplatz_1903.jpg">Wikimedia Commons</a>

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Drei harmlose Unterhaltungen über die junge Sängerwelt (I)

Von LUDWIG HESS

Am Stammtisch

Ein Papa:
Ja, ’s wird nun ernst damit: 18 Jahre wird sie nun alt, und Gesangunterricht soll sie in Gottesnamen auch haben. Wem soll ich sie wohl anvertrauen, Herr Kollege?
Zweiter Papa:
Ja, mein Gott! Das ist natürlicherweise sehr schwer zu sagen. Ist denn die Stimme wirklich sehr schön?
Erster Papa:
Auf der Schule hat sie immer Solo singen müssen. Nr. 1 hat sie im Singen. Glockenrein…
Zweiter Papa:
Und musikalisch?
Erster Papa:
Gewiß, sogar sehr! Sie spielt ziemlich alles vom Blatt, kann viel kleinere Liedeln auf der Gitarre begleiten und treffen kann sie auch famos beim Singen.
Dritter Papa:
Beim Chorsingen oder auch wenn’s allein zwitschert? Ich hab nun 15 Jahre beim Porges mitg’sungen, hab allerweil denselben totsicheren Nachbar g’habt, schließlich bild ich mir ein, ich kanns selber treffen; aber, ist der berühmte Herr Chorent einmal nit da, dann merk i oft, daß ich allein auf weiter Flur bin, eine verstimmte Abendglocke.
Vierter Papa:
Die die Absicht merkt.
Erster Papa:
Na, nun bleibt mal ernst und bei der Stange!
Vierter Papa:
Wer wird so einen Ausdruck brauchen, von einem so netten Töchterl!
Erster Papa:
Also bei wem soll ich sie wohl studieren lassen, Herr Kollege?
Zweiter Papa:
Ja, entweder auf einer Musikschule oder bei einem ausgezeichneten Privatlehrer.
Erster Papa:
Ich wäre mehr für das Letztere. Warum? Weil sie wirklich so etwas Individuelles an sich hat, weil sie nicht mit Andern über denselben Kamm geschoren werden roll, ich hasse alle Massenbetriebe…
Zweiter Papa:
Na, nah! Ich red natürlich nicht von solchen Privatkonservatorien, wo die Güte durch die Masse gut gemacht werden soll.
Erster Papa:
Schon recht! Aber singen soll die Hauptsache sein für mein Kind, nicht diese Langweilerei mit Kontrapunkt, Theorie, Kanons, Klavierspiel, Oberklassen, und was weiß ich, möglichst individuell…
Dritter Papa:
Das scheint dein Lieblingswort zu sein. Ich bin absolut gegen dieses eifrige verfluchte Individualisieren. Ein braver, guter Durchschnitt ist das Erstrebenswerte und tausendmal mehr wert, als diese verschrobenen, dummen, albernen, arroganten, faden, eigentlich saudummen Ideen und Hirngespinste der heutigen Jugend! Jeder Aff will ein Individuum sein. Ich lob mir mein’ guten Durchschnitt. Jeder gute Handwerker bringt es zu seinem bescheidenen, sicheren Erwerb, und das wird bei eurem gschwollenen Theater auch nicht anders sein. Dummes Gered! Sprüch!
Fünfter Papa:
Prost!
Zweiter Papa:
Hochachtungsschluck?
Fünfter Papa:
Ganz im Gegenteil.
Erster Papa:
Nun, was meinen denn Sie, lieber Kollege? Sie sind doch beinahe Musik­fachmann?
Fünfter Papa:
Meinen Jungen hab ich Geige und Klavier lernen lassen während der Penaljahre, jetzt, wo er an der Universität hört, hat er Gesangsstunden von einem famosen Hey-Schüler —
Dritter Papa:
Hey, Wer ist das?
Fünfter Papa:
Nach meiner unmaßgeblichen Meinung der gründlichste Meister für den deutschen Gesang wie Concone für den italienischen; ferner singt er in einem Chor mit.
Dritter Papa:
Verbrüllt er sich da nicht die Stimme?
Fünfter Papa:
In dem Chor gewiß nicht, da wird gesungen, nicht gebrüllt. Wenn er dann seinen Dr. phil. gemacht und sich die Stimme inzwischen so schön entwickelt hat, daß er sich zweifellos ganz dem Gesang widmen muß, dann soll mir kein Geld zuviel sein, ihn zu einem unserer ersten Gesangsmeister zu schicken.
Dritter Papa:
Ein Saugeld kost’ das! Gott!
Fünfter Papa:
Ich denke, diese Kapitalsanlage ist eine entsprechende; was hab ich von dem hinausgeworfenen kleinen Kapital für einen schlechten Lehrer?
Erster Papa:
Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber zu wem, meinen Sie, soll ich meine Tochter schicken?
Vierter Papa:
Wollen wir nicht was G’scheidteres machen? Beschlafen wir den »wichtigen« Fall noch einmal, machen wir einen Tarock?
Erster, zweiter, dritter Papa:
Freilich. Los.
Der fünfte Papa (verabschiedet sich höflich, zahlt und geht).

Kammersänger Ludwig [Konrad] Hess (1877 – 1944) war Tenor, Dirigent, Komponist und Professor an der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. Dieser Beitrag von Ludwig Hess erschien in » ›Der Merker‹. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater«. Jahrgang I, Teil I, Oktober – Dezember 1909, Heft V, S. 180ff. Via HathiTrust Digital Library.

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