Der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin erstmals zum Jahreswechsel am Pult der Wiener Philharmoniker © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin erstmals zum Jahreswechsel am Pult der Wiener Philharmoniker

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Silvesterkonzert 2025 der Wiener Philharmoniker

Musikverein Wien

Von Thomas Prochazka

Yannick Nézet-Séguin ist ein Musikant.
(Damit ist alles gesagt.)

II.
Wenige hatten den Musikdirektor der Metropolitan Opera und Chefdirigenten des Philadelphia Orchestra auf ihrer Liste. Kenner Wiener philharmonischer Gepflogenheiten wußten freilich: Das Orchester würde sich erkenntlich zeigen für Nézet-Séguins binnen Stunden erfolgten Übernahme der U.S.-Tournée in jenen Feber-Tagen 2022. Es folgten Einladungen ins Abonnement, zum Sommernachtskonzert 2023 — und, zuletzt, zu den Konzerten zum Jahreswechsel. Man scheint Freude am gemeinsamen Musizieren zu finden; nicht nur in der Staatsoper, wo der Frankokanadier 2014 sehr gute Vorstellungen von Wagners Der fliegende Holländer und, 2016, Lohengrin dirigierte.

III.
Wer immer die Programmfolge ersann: Ihm gelang ein Geniestreich. (In mehrfacher Hinsicht.) Das große Thema des Abends: die Frauen. Die aus Wien stammende Bajadere Fantasca in Johann Strauss’ erster Operette Indigo und die 40 Räuber. Die Potpourri-Ouverture RV 501A/B/C-OU daraus eröffnete den Abend. Strauss begab sich eines Walzerteiles: Er wollte ins » seriöse « Lager der Operettenkomponisten wechseln; verneinte den » Walzerkönig «.

Königin-Regentin Marie Christine, Tochter Erzherzog Karl Ferdinands und jung verwitwete spanische Königin, ist Widmungsträgerin des Walzers Donausagen, das op. 446 von Carl Michael Ziehrer (1843 – 1922): eine musikalische Reise entlang der Donau. (Der Titel läßt einen an Strauss’ Walzer Donauweibchen denken: Das schöne Geschlecht ist eben nicht auszublenden.) Nach magyarisch gefärbtem Beginn klingt ein niederösterreichischer Ländler an, ehe ein bosnischer Kolo in e-Moll seinen Platz beansprucht. Danach: drei Walzer, deren erster in derselben Moll-Tonart anhebt und auch in der Reprise so erklingt, ehe er sich in die Dur-Paralleltonart wendet. (Einzigartig bei Ziehrer.) Ob sich der Komponist von Ion Ivanovicis Walzer Donauwellen (uraufgeführt 1880) inspirieren ließ?

Yannick Nézet-Séguin dirigierte auswendig: kein andauerndes Umblättern, dafür Modellierung der Melodien. Kein akribisches Schlagen des Dreiertaktes, wie es so oft in den vergangenen Jahren zu erleben war. Meist ist Nézet-Séguin voraus. Den Rest erledigte das Orchester mit hörbarer Spielfreude. (Die Soloflöte im ersten Walzer!) Franz Zamazal, einst Schlagwerker, sagte mir einmal anerkennend über Rudolf Bibl: Er läßt uns laufen, und nach acht Takten fangt er uns wieder ein. Das Tun Yannick Nézet-Séguins hörte sich genauso an. An den Walzerübergängen (nach Franz Zamazal sind sie die heiklen Stellen) kaum merkbare Verzögerungen: gerade soviel, daß der letzte Akkord ausschwingen konnte, ehe der nächste Walzerteil anhub. … Die Walzer des Militärkapellmeister Ziehrer kommen ohne notierte ritardandi. Das macht sie zu idealen Tanzwalzern, nicht nur im Wiener Fasching. Darf man anmerken, daß in dieser Stadt viel zu wenig Ziehrer gespielt wird?

IV.
Die Frauen also: Joseph Lanner verneigte sich musikalisch vor den Bajaderen aus Indien in den Malapou-Galoppen, op. 148a. Die Quadrille, op. 363, nach Motiven der Operette Die Fledermaus: mehr als nur ein Punktesieg der Weiblichkeit. Strauss Vater widmete seinen Galopp Der Karneval von Paris, op. 100, den schönen Pariserinnen im Uraufführungspublikum. Franz von Suppès Ouverture zu Die schöne Galathée, Josef Strauss’ Walzer Frauenwürde, op. 277, Bruder Johanns Walzer Rosen aus dem Süden, op. 388, aus der Operette Das Spitzentuch der Königin, RV 508A/B/C: Sie alle umkreisen das schöne Geschlecht.

Die nach egalité dürstende Gemeinde wird gewiß die Aufführungen der Polka mazur Sirenen-Lieder, op. 13, von Josephine Weinlich (1848 – 1887), Violinistin, Komponistin, Gründerin und Prinzipalin des ersten europäischen Damenorchesters, und des Rainbow Waltz der Afroamerikanerin Florence Price (1887 – 1953) über Gebühr bejubelt haben. Alle anderen werden feststellen, daß sie als die schwächsten Stücke des Abends gelten müssen. Auch waren Wolfgang Dörners Orchestrierungen zu » dick « geraten. (Man vergleiche Weinlichs Sirenen-Lieder mit der auf YouTube verfügbaren Aufnahme von Raimund Lissy und seinen philharmonischen Freunden. Und man höre sich an, was der Orchester-Archivar über den beeindruckenden Lebenslauf Josephine Weinlichs zu erzählen weiß.)

Besonders Price’s Rainbow Waltz hinterließ den Eindruck eines Fremdkörpers im Programm. Darf man als Wiedergutmachung die Aufführung ihrer Symphonien, eventuell mit Yannick Nézet-Séguin am Pult, vorschlagen?

Ließ das Orchester spielen: Yannick Nézet-Séguin mit sichtlicher Freude bei seinen Debut-Konzerten mit den Wiener Philharmonikern zum Jahreswechel © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Ließ das Orchester spielen: Yannick Nézet-Séguin mit sichtlicher Freude bei seinen Debut-Konzerten mit den Wiener Philharmonikern zum Jahreswechel

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

V.
Dazwischen: musikalisch Heiteres wie der geniale Københavns Jernbane-Damp-Galop des Hans Christian Lumbye (1810 – 1874), Eduard Strauss’ (1835 – 1915) Brausteufelchen, Polka schnell, op. 154, oder Johann Strauss’ Egyptischer Marsch, op. 335. Lumbyes Københavns Jernbane-Damp-Galop: Die Interpretation Maestro Nézet-Séguins klang nicht so abgezirkelt und genau abgestimmt wie jene Mariss Jansons 2016. Sie sprühte jedoch vor Spiellust. Der Dirigent ließ spielen, und das Schlagwerk, die » Spaß-Truppe « eines jeden Orchesters, ließ sich die Möglichkeiten zur Demonstration ihrer Kreativität nicht entgehen.

Was sonst noch auffiel: Der Frankokanadier raste nicht durch die Galoppe und Schnellpolkas wie viele seiner Vorgänger. Bei allen Piècen herrschte das Gefühl vor, man könne sie tanzen. Auch die Diplomaten-Polka, das op. 488 des Johann Strauss, erklang durchgearbeitet und gegliedert; ward musikantisch dargebracht (und nicht so glatt und » poliert « wie zu früheren Gelegenheiten).

VI.
Die Walzer: Sie gelten als die Königsdisziplin der Wiener Musik. Ouverturen, Polkas und Galoppe gelingen vielen. Doch an den Wiener Walzern erkennt man den Meister. Die ritardandi: von den Sträussen und ihren Kollegen ohnehin nur homöopathisch und nicht an allen Eingängen vorgesehen, geraten auch großen Maestri zu ausladend, zu lang. In der Regel forderten die Komponisten nur in den Auftakten ein ritardando. Die Folge: ein stop-and-go wie zur New Yorker rush hour. Die Walzer kommen nicht auf Touren; lahmen.

Nicht so bei Yannick Nézet-Séguin. Einerseits, weil Josef Strauss’ in seinen Walzern Frauenwürde, op. 277, und Friedenspalmen, op. 207, keine ritardandi vorsah, andererseits, weil der Frankokanadier ein bemerkenswertes Gespür für diese Wiener Musik erkennen ließ. Josef Strauss’ Frauenwürde, im Fasching 1870 und damit wenige Monate vor seinem Tod uraufgeführt, schmeichelt den Damen mit moderaten Tempi, als wolle er sie liebkosen. Sollte diese große, fünfteilige Walzerpartie eine weitere Liebeserklärung an seine Frau und seinen Lebensmenschen Caroline gewesen sein, nachdem er ihr in seinem Walzer Perlen der Liebe, op. 39, bereits eine zur Hochzeit unterbreitet hatte? Die Friedenspalmen siedelte Maestro Nézet-Séguin mehr in der Nähe des Walzers Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust, op. 263, an. So wurde Josefs Intention, den Wienern nach Königgrätz Zuversicht zu geben, auf's Beste umgesetzt. 

VII.
Den ganzen Abend hindurch verfestigte sich der Eindruck, daß man gemeinsam musizierte; auch wenn manche von Nézet-Séguins Kollegen ihre Konzerte feiner abgestimmt, polierter präsentiert haben mögen. Als das Orchester in den wienerisch klingenden Rosen aus dem Süden (quasi schrankenlos) aufrauschte, wurde man daran erinnert, daß diese Musik als Tanzmusik geboren wurde. Daß es sich nicht um Concert-Piècen handelt, welchen man nur lauschen darf. Solches erreicht man nur, wenn auch die Tempo-Dramaturgie innerhalb der Stücke stimmig ist.

VIII.
Abschluß — und show act erster Güte — der Radetzky-Marsch, op. 228, von Johann Strauss Vater: Benjamin Schmidinger schlug ihn an der kleinen Trommel ein, während Yannick Nézet-Séguin das Publikum aus dem Parkett dirigierte. Unseriös? Nein, Spaß an der Musik.

Yannick Nézet-Séguin ist ein Musikant. (Das ist es.)

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