» Tosca «, 1. Akt: Krassimira Stoyanova (Floria Tosca) und Michael Fabiano (Mario Cavaradossi) bei ihrem Rollen- bzw. Haus-Debut an der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Tosca «, 1. Akt: Krassimira Stoyanova (Floria Tosca) und Michael Fabiano (Mario Cavaradossi) bei ihrem Rollen- bzw. Haus-Debut an der Wiener Staatsoper

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giacomo Puccini: » Tosca «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Wohin soll man sich wenden? Soll die Wiener Staatsoper nach dem Pandemie-Intermezzo wieder zu einer der ersten Attraktionen der Stadt werden, in der Touristen » Bravissimo « brüllen, weil sie glücklich eine Aufführung hinter sich gebracht haben? Sie aus Film und Fernsehen kennen, daß dies jene Reaktion ist, welche einen vorgeblich als Kenner ausweist?

Soll das Haus am Ring Wallfahrtsstätte für den Wienern als » neu « angediente Produktionen sein, welche andernorts mangelnder Aussagekraft wegen bereits wieder ausgemustert werden? Soll sie als Museum dienen für altgediente, den Illusionsgedanken des Theaters hochhaltende Bühnenbilder und Kostüme, darin jeder Gastsänger nach eigenem Gutdünken und Vorlieben ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Intentionen der szenisch geschaffen Habenden verfährt? Oder soll sie Hort musikalischer Höchstleistungen sein, dem Repertoire-Gedanken durch mannigfaltigen Wechsel der Besetzungen verhaftet? Die ersten Sänger ihres Faches in die aufgeführten Werke nicht verleugnenden oder konterkarierenden Produktionen versammeln?

Ist die Zukunft der Kunstform Oper eine, welche die ursprünglichen Geschichten aus Gründen der political correctness (was immer man darunter verstehen mag) in verneinender oder überschreibender Form szenisch ausgefeilt und an den Verstand des Publikums appellierend präsentiert? Oder liegt sie in der musikalisch packenden Erzählung durch den elektronisch nicht verstärkten Gesang großer, raumfüllender Stimmen; in den dadurch bei den Zuhörern hervorgerufenen Emotionen, dem den Fährnissen des eigenen Daseins glücklichen Entrinnen für die Dauer einer Aufführung?

II.
Die ehemals von Margarete Wallmann szenisch verantwortete Produktion wollte Letzteres. Die aktuelle Aufführungsserie besticht vor allem durch die Bühnenbilder und die Kostüme von Nicola Benois; — weniger durch die musikalische Darbietung.

Marco Armiliato animiert das Orchester der Wiener Staatsoper zu differenziertem Spiel (die Soloklarinette vor E lucevan le stelle!). Zaubert gemeinsam mit dem Chor (Einstudierung: Martin Schebesta) und den Kollegen auf und hinter der Bühne ein im Zusammenwirken exquisites Te Deum. Und wird dennoch von einigen kritisiert, weil er zu laut spielen läßt, die Sänger an manchen Stellen nicht über dem Orchester hörbar blieben. Doch ist das allein des Dirigenten Schuld? Oder auch Konsequenz des unleugbaren Niedergangs der Gesangskunst?

Armiliato läßt sich und den Sängern Zeit. Doch weiß nur jener Nutzen daraus zu ziehen, der Gebieter, nicht Diener seiner Stimme ist. Clemens Unterreiner zum Beispiel, der als Angelotti zwar ebenso wie seine Kollegen mit größeren Linien geizt, doch mit klarer Diktion punktet. Gleiches gilt für den Sagrestano des Wolfgang Bankl: stimmliches Rauhbein auch er, doch gut verständlich. Sie sollten die einzigen bleiben an diesem Abend.

»Tosca«, 1. Akt: Das Te Deum in Sant’Andrea Della Valle © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Tosca«, 1. Akt: Das Te Deum in Sant’Andrea Della Valle

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

III.
Let’s do some Tosca, lautete das Motto des Abends. In jedem Fall für Michael Fabiano, der mit dieser Vorstellungsserie am Haus debutierte. Stimmlich überzeugend präsentierte sich sein Mario Cavaradossi nicht. Dazu führte Fabiano seine Stimme — vor allem in der Höhe und in den piano notierten Passagen — mit zuwenig Spannung; gerieten Phrasen unstet, wechselte die Stimme zu oft die » Farbe «.

Am besten gelang Recondita armonia, obwohl auch hier schon der Eindruck eine gewissen Beliebigkeit und fehlender Gestaltung des Notentextes nicht zu überhören war. Der Applaus blieb denn prompt aus, sodaß diese Szene einmal so zu hören war, wie Puccini sie komponiert hatte: mit den abschließenden Bemerkungen des Sagrestano vor der Generalpause in der Partitur. Anständig die Spitzentöne bei La mia vita costasse und beim Vittoria!, doch nicht mehr. In E lucevan le stelle wechselte Fabianos Stimme bei Oh! dolci baci, o languide carezze, pianissimo notiert, grundlos ihre Farbe, und was » hervorragende piano-Kultur « vorstellen sollte, klang nur dünn und fahl.

Dabei hinterließ Fabianos Stimme in der tiefen und in der mittleren Lage sowie in den lauten Passagen einen durchaus ansprechenden Eindruck. Vor allem im ersten Akt schien es, als wollte der Sänger mit seiner Floria Tosca das Liebesduett gestalten — wäre diese nicht zu sehr mit der gesanglichen Bewältigung ihrer Partie beschäftigt gewesen. Was bleibt, ist die erneute Bestätigung der hervorragenden Qualität der Toningenieure an der Metropolitan Opera …

IV.
Luca Salsi klang von der ersten Phrase an als ein Barone Vitellio Scarpia, bei dem ich mich, Tosca paraphrasierend, fragte, warum ganz Rom vor ihm zittert. Wie seine Kollegen absolvierte Salsi den Abend, ohne uns den Menschen hinter den Noten vorzustellen. Musikalisch unglaubwürdig die Hinterhältigkeit dieses Polizeichefs ebenso wie seine Begierde nach Tosca oder die Wut auf seine Untergebenen. Salsis Stimme klang die ganze Vorstellung über gaumig, belegt; unfrei. Es sind die Zeiten, welche diesen durchaus achtbaren Vertreter seines Faches in die erste Reihe spülen.

V.
Für Krassimira Stoyanova kommt die Floria Tosca zu spät. Nicht nur, daß Stoyanova in jeder Bewegung den Antityp der Diva verkörpert, vermag sie weder die Naivität der von ganz Rom gefeierten Sängerin noch deren Verzweiflung und schließlich Rache überzeugend darzustellen: Die gesangstechnische Bewältigung der Partie nimmt sie zu sehr in Anspruch.

Wie fast alle ihre Kolleginnen verzichtet auch Stoyanova auf die Beimischung der unteren Stimmfamilie in der Sext über dem passaggio. Als Folge davon hinterläßt ihre Stimme einen kraftlosen, oftmals verschatteten Eindruck. Viele Töne in der oberen Region klingen scharf. Selbst Vissi d’arte fehlt es an der Linie, an der Gestaltung durch den Gesang: ein Triumph der Beiläufigkeit.

VI.
Nothing to write home about, wie man in Amerika sagt.

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