Der Merker

Mittwoch, 24. Januar 2018

»Verklungene Feste«: Ballett in einem Akt von François Couperin für kleines Orchester, o.op. 128 (TrV 245a) in der Choreographie von John Neumeier © Wiener Staatsoper GmbH (Wiener Staatsballett)/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH (Wiener Staatsballett)/Michael Pöhn

Rezensionen Ballett

Wiener Staatsballett

Richard Strauss:
»Verklungene Feste« | »Josephs Legende«

Von ULRIKE KLEIN

Am dritten Adventssonntag bekam das Publikum als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk anläßlich der Richard-Strauss-Tage der Wiener Staatsoper eine Gabe des Staatsballetts geboten.
Unter der musikalischen Leitung von Gerrit Prießnitz mit Rainer Honeck am Konzertmeisterpult gab man das Doppelprogramm Verklungene Feste und Josephs Legende in der Choreographie von John Neumeier. Damit begann schon der Luxus…

Wenn das Orchester der Wiener Staatsoper in Geberlaune ist und diese wunderbaren Werke Richard Strauss’ auf dem Pult liegen, ist das schon ohne den Tanz purer Genuss. (Beide Stücke eigneten sich auch wunderbar für den Konzertsaal.)

Und wenn dann noch die Neugierde auf die vielen Rollen-Debuts mehr als befriedigt wird… Dann darf man von einer gelungenen Vorstellung berichten.

Verklungene Feste

Ein Fest geht zu Ende, und doch blitzen immer noch die Momente der Glückseligkeit auf, wenn Liudmila Konovalova mit Andrey Teterin und Kiyoka Hashimoto mit Alexandru Tcacenco leichtfüßig die verliebten, unbeschwerten Liebespaare tanzen. Schwermütiger ging es schon bei Franziska Wallner-Hollinek mit Mihail Sosnoschi zu: Er, bereits über mehrere Vorstellungen in dieser Partie erfahren, führte seine Partnerin bei ihrem Rollen-Debut zu einer beeindruckenden Leistung. Auch das fünfte Paar, erstmals Nikisha Fogo und Dumitru Taran, ließ sich tragen vom Schwung der Strauss’schen Musik. Nina Poláková und Vladimir Shishov waren die Gastgeber. Beide tanzten sehr souverän die Traurigkeit, die ihren Rollen eingeschrieben ist. Nur hin und wieder blitzte bei Nina Poláková eine Fröhlichkeit auf: Das Fest ist eben noch nicht ganz vorbei, es verklingt.

Josephs Legende

Nach der Pause wurden wir entführt in die Geschichten des Alten Testaments. Bereits die ersten Klänge geleiten uns in die Exotik des Orients. … Mit welcher Grazie Roman Lazik den Engel tanzt: — es ist eine Freude. Ruhig, mit Größe hält er von Anbeginn an die schützende Hand über den Jungen Joseph. Eno Peci ist wieder der Herrscher Potiphar, hart und fast kühl wirkend, dann wieder weich und zartfühlend, wenn Joseph am Hof zum Kauf feilgeboten wird.

Als Potiphars Weib kehrte Patricia Friza als Gast des Hamburg Ballett an ihre »Heimatbühne« zurück: In Wien bekam sie ihr erstes Engagement, nach der Ausbildung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Nach ersten Lehrjahren wurde ihr eine Stelle in Hamburg geboten, seit 2006 tanzt sie dort und hat sich mit der Rolle von Potiphars Weib im Jahr 2009 den Rang einer Solistin ertanzt. Jetzt verkörpert sie diese Partie erstmals in Wien. Und zeigt uns eine neue Sichtweise.

»Josephs Legende«: Patrizia Friza (Potiphars Weib) und Géraud Wielick (Joseph) beim großen Pas de deux © Wiener Staatsoper GmbH (Wiener Staatsballett)/Ashley Taylor

»Josephs Legende«: Patrizia Friza (Potiphars Weib) und Géraud Wielick (Joseph) beim großen Pas de deux

© Wiener Staatsoper GmbH (Wiener Staatsballett)/Ashley Taylor

Mit Rebecca Horner lernten wir die Herrin des Hofes als ungezähmte Naturgewalt kennen, Ketevan Papava war die verführerische Raubkatze. Nun sehen wir eine junge Frau an der Seite eines Herrschers, die der Liebe begegnet. Zart wirkt sie zu Beginn, aber doch mit starkem Willen, den sie im ersten großen Solo zum Ausdruck bringt. Immer noch bleibt sie zerbrechlich, ein Mädchen fast. … Doch dann bricht die Leidenschaft aus ihr heraus, sie umgarnt, sie verführt, sie wird zur Frau: Fürchtet sich vor dem Gemahl und verteidigt dann wie keine andere den Jungen, schmiegt ihr Gesicht in das Gewand, welches sie ihm vom Leibe riß. Und zerbricht zum Schluß an der Einsamkeit…

Patricia Friza hat aus der sonst gefährlich scheinenden Frau eine Liebende entwickelt. Und mit dieser Rolleninterpretation war sie dem jungen Halbsolisten Géraud Wielick, der an diesem Nachmittag sein Rollen-Debut als Joseph gab, eine großartige Partnerin. In den letzten Jahren fiel Wielick immer wieder positiv auf, als Flötist in La Fille mal gardée ebenso wie als Rentier in Die Schneekönigin (um nur zwei Beispiele zu nennen). Sehr exakt, mit stupender Fußarbeit, sodaß man schon sehr gespannt auf diese erste Hauptrolle sein durfte. Er tanzte den Joseph als Jungen, an der Schwelle zum Mannsein. Es steckten noch fast androgyne Züge in seiner Interpretation, zart, gleichsam mädchenhaft im ersten Solo am Hofe Potiphars… Und dann die Explosion im großen Pas de deux mit Potiphars Weib.

Noch gab es Momente, in welchen Wielick technisch an seine Grenzen stieß. Diese überspielte/übertanzte er mit jungenhaften Charme. Die eine oder andere Unsicherheit tat der Qualität der Vorstellung jedoch keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil: Sie zeigte umso mehr die Verletzlichkeit des Jungen. Schade, daß keine weitere Aufführung in dieser Besetzung geplant ist. Es wäre wünschenswert, die Entwicklung durch eine Serie von mehreren Abenden zu beobachten.

Zwei weitere Vorstellungen stehen auf dem Spielplan, die letzte am 20. Dezember 2017 in der Alternativbesetzung der Josephs Legende. Hoffen wir auf mehr in der kommenden Spielzeit.

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