Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Der Spieler«, 2. Akt: Die Ankunft der Babulenka. Von links nach rechts: Linda Watson (Babulenka), Elena Guseva (Polina), Clemens Unterreiner (Potapitsch), Dimitry Ulyanov (General a.D.), Thomas Ebenstein (Marquis des Grieux) und Elena Maximova (Mademoiselle Blanche) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Sergej Prokofjew: »Der Spieler«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Phänomen, das. Wann immer eine selten gespielte Oper auf die Bühne gehievt wird, machen sich die Beteiligten desselben Cardinalfehlers schuldig: das Werk in einer verzerrten, zumeist modernisierten Fassung zu zeigen, anstatt ein unwissendes Publikum mit einer möglichst werkgetreuen Inszenierung zu begeistern.

II.
Karoline Gruber bildet keine Ausnahme. Sie siedelte Prokofjews Oper nicht in der (imaginären) deutschen Stadt Roulettenburg an, sondern einer nicht zeitlich nicht einzuordnenden Glamour-Welt. Einmal glaubte ich mich im Berlin der 1920-er Jahre, danach in den U.S. der 1950 mit ihren unzähligen Glühlampen der Caroussels. Nie aber im deutschen Kaiserreich des Jahres 1866, in welchem Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman erschien. Nichts paßte zusammen. Der »Regisseuse« (nennt man das so?) gelang es sogar, ein Werk über das Roulette-Spiel zu inszenieren, ohne daß auch nur ein einziger Roulette-Zylinder oder -Tisch zu sehen war. 

Mit ihrem Ansatz jedoch invalidierte Gruber das Werk. Denn dieses lebt von, aus, mit und durch die Conventionen des Kaiserreiches, handelt von der Ehre in all ihren Spielarten.

Der Abend war bereits gescheitert, bevor noch die erste Silbe gesungen ward.

III.
Prokofjew hatte Scenen aus Dostojewskis Roman zu seiner Oper zusammengestellt. Darin, diese, dem Schnitzler’schen Reigen gleich, auf die Bühne zu bringen, bestand die Aufgabe. Gruber aber ignorierte das Buch und die Orte der Handlungen, ließ immer wieder Begebenheiten parallel ablaufen, sodaß die Sänger um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen mußten; — warum?

Dazwischen »Lustigkeiten« aller Arten: Babulenkas Entourage verteilt bunte Luftballons an alle … Kasperltheater. Polina Praskowja muß für Alexej Iwanowitsch die Hüllen fallen lassen. Die Spieler im Casino werden perchtengleich gezeichnet. Der General a.D. muß sich vor seinem Unter&shy,gang betrinken. Und Baron und Baronin Wurmerhelm kommen mit einem Miniatur­flugzeug angereist: Er angetan mit Uniform und Pickelhaube, als gäbe man den Hauptmann von Köpenick. … Mit Der Spieler hat das alles nichts gemein.

»Der Spieler«, 3. Akt: Die Babulenka (Linda Watson) berichtet Alexej Iwanowitsch (Misha Didyk) über ihre Verluste am Roulette-Tisch © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Der Spieler«, 3. Akt: Die Babulenka (Linda Watson) berichtet Alexej Iwanowitsch (Misha Didyk) über ihre Verluste am Roulette-Tisch

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IV.
Dazwischen wird eine Uhr von fünf Minuten vor 12 auf 12 Uhr gestellt, werden Geldkoffer geschleppt, bekommt der Marquis des Grieux wie Al Capone Leibwächter mit automatischen Handfeuerwaffen. … Kurzum, es werden all jene Clichés zitiert, die in einer modischen Regie­arbeit nicht fehlen dürfen, will man Pluspunkte beim Feuilleton sammeln.

Der Höhepunkt des Werkes: Alexej Iwanowitschs Glückssträhne im Casino. Was hätte ein um­sichtiger Spielleiter da nicht alles herausholen können! So aber: Fratzen auf einer ermüdend lang umlaufenden Drehbühne, einen Roulette-Kessel vorstellen wollend.

Das Finale: Alexej erwürgt Polina, anstatt mit fieberndem Blick zurück ins Casino und an den Spieltisch zu stürzen.

Entkleidet allen Brimboriums bleibt die Feststellung: Der Abend ist scenisch einfach schlecht gearbeitet.

V.
Leider ließ auch die musikalische Umsetzung Wünsche offen. Selbst wenn sich Simone Young und das Staatsopernorchester im Vergleich zur Première stark verbessert zeigten, tönte es zu grob, zu laut, einfärbig aus dem Graben. Die so notwendigen ruhenden Momente in Prokofjews Musik — sie stellten sich erst mit der Ankunft und in den Scenen der Babulenka ein. Die motivischen Zusammenhänge, welche dem Publikum das Werk entschlüsseln — sie waren (zu) selten zu hören.

VI.
Misha Didyk sang und spielte den Alexej Iwanowitsch mit jener Intensität , welche bereits seine Gestaltung des Sergej in der Lady Macbeth von Mzensk auszeichnete. Stimmlich präsentierte sich der Ukrainer in sehr guter Verfassung, obzwar mit einigen Schärfen. Aber die Partie des Alexej gleicht jener der Elektra. Insofern, als Didyk fast die ganze Oper hindurch auf der Bühne stand.

VII.
Überflügelt wurde er nur von Linda Watsons Darstellung der Babulenka. Wie Watson die reiche Erbtante spielerisch als auch stimmlich zu gestalten wußte; — war eine Klasse für sich. Sich im russischen Fach und damit auf ungewohntem Terrain bewegend, bestach die Sängerin auch durch ihre Gesangstechnik. (Wir wissen dies seit ihrer Marschallin im Mai 2017.)

»Der Spieler«, 4. Akt: Die verzweifelte Polina Praskowja (Elena Guseva) berichtet Alexej Iwanowitsch (Misha Didyk) von der Entscheidung des Marquis des Grieux, ihr die Schulden zu erlassen © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Der Spieler«, 4. Akt: Die verzweifelte Polina Praskowja (Elena Guseva) berichtet Alexej Iwanowitsch (Misha Didyk) von der Entscheidung des Marquis des Grieux, ihr die Schulden zu erlassen

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VIII.
Elena Guseva hätte sicher gerne eine vornehme, stolze, mit Standes­dünkel versehene Polina verkörpert. Stattdessen durfte sie nur ein billiges Fähnchen von einem Kleid tragen, sich vor Alexej bis auf das Unterkleid entblößen und diesem — in Ermangelung von Geldscheinen — im Finale ihr Mäntelchen ins Gesicht schleudern. Ihr Haus-Debut in Wien hat sich die Russin sicher anders vorgestellt. … Gusevas Sopran klang in der Mittellage voll, im oberen Register allerdings wurde die Stimme scharf, büßte an Focus ein.

IX.
Dmitry Ulyanov bestätigte bei seinem Haus-Debut in der Partie des General a.D. den bei den abgelaufenen Salzburger Festspielen als Boris Timofejewitsch Ismailow gewonnen Eindruck. Daß Gruber ihn im zweiten Akt wie einen dummen Schulbuben einen Luftballon halten ließ, ihn im dritten Akt als versoffenen Alten portraitierte: Es ist des Sängers Schuld nicht.

X.
Elena Maximova sang und spielte des General a.D. Liebchen, Mademoiselle Blanche, mit im oberen Register nicht immer reinem Ton, Thomas Ebenstein gab einen quirligen Marquis des Grieux. Ebensteins trockener Tenor verstärkte Grubers Rollenauffassung, wonach der Marquis ein schmieriger, zwielichtiger Zeitgenosse zu sein habe. Der gebürtige Kärntner spielte engagiert, war stets Mittelpunkt, wenn er auf der Bühne stand.

XI.
Sergej Prokofjews Der Spieler: in dieser Regiearbeit und mit dieser musikalischen Leitung eine vergebene Gelegenheit. 

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