Rezensionen Oper

Giacomo Puccini: »Tosca«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Tosca«, 2. Akt: Angela Gheorghiu als Floria Tosca im Palazzo Farnese © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Tosca«, 2. Akt: Angela Gheorghiu als Floria Tosca im Palazzo Farnese

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Tosca, die 599., in der Ausstattung von Nicola Benois und Margarethe Wallmann, in Vorbereitung des freitäglichen 600er … und mit einem Mal versteht man Dominique Meyers Abneigung gegenüber Jubiläen.

Gestern abend: veristische Großzügigkeit allerorten.

II.
Tosca, die 599.: — Jesús López Cobos wirkte sehr fragil auf seinem Weg durch den Orchestergraben, als koste ihn der Abend fast unüberwindliche Anstrengungen. Zweimal war der Applaus versiegt, ehe der Dirigent das Pult erreichte. Der weitere Eindruck: eine rein gestische Begleitung des Abends. Keine Akzente.

Die ersten drei Takte waren kaum verklungen, da tat das Blech auch schon seine Anwesenheit durch einen gröberen Patzer kund. Es sollte nicht der einzige bleiben an diesem Abend mit seiner uninspirierten Orchesterleistung. Selten noch lauschte man einem derart gewöhnlichen, sich in den Vordergrund drängenden Klang der Soloklarinette in »E lucevan le stelle«, ward das Solo-Cello mit soviel Druck gespielt. — Man tat »Dienst«, nicht mehr.

III.
Erwin Schrott stellte sich dem Wiener Publikum in der Partie des Baron Scarpia vor. Gute Textdeutlichkeit. Bemühen um die scenische Gestaltung. Schrott zeichnete Scarpia weniger als Edelmann, stellte Lust und Sadismus der Figur vor. Überspielen der eigenen Unsicherheit; — auch stimmlich.

Schrott sang mit viel Druck, vertraute vor allem im ersten Akt nicht den in der Partitur vermerkten dynamischen Angaben: Piano hatte Puccini für den Beginn des »Te Deum« notiert. Auch nach Ausbrüchen ins forte sollte der Sänger die Stimme wieder ins piano zurücknehmen. Sich bemeistern, ehe im fortissimo des Finale die Begierde jede Vorsicht vergessen läßt. Dabei: lange Phrasen. Dies mit stimmlichen Mitteln darzustellen wäre die Aufgabe… Und da zeigten sich die (heute üblichen) Defizite.

IV.
Nach Jahren der Abwesenheit kehrte Massimo Giordano wieder an die Staatsoper zurück; — in bemerkenswerter stimmlicher Verfassung. Seine Interpretation der Partie des Mario Cavaradossi offerierte sicher gesetzte Spitzentöne (wenngleich zumeist im forte). Daß Giordanos Stimme im Bereich des passagio gequetscht klang, teilweise zu übermäßigem Vibrato neigte, es auch ihm am legato gebrach: Man wußte es schon. … In »Recondita armonia« unterließ er jeden Versuch der dynamischen Gestaltung. Und auch im nachfolgenden Liebesduett agierte Giordano eher als Stichwortgeber denn als gleichberechtigter Partner der Diva…

»Tosca«, 2. Akt: Baron Scarpia (Erwin Schrott) droht Spoletta (Benedikt Kobel) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Tosca«, 2. Akt: Baron Scarpia (Erwin Schrott) droht Spoletta (Benedikt Kobel)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Aber: ohne Mario Cavaradossi keine Tosca, und selbst Angela Gheorghiu bedarf eines Partners.

Man sei ein Wahrheitssager. Nun denn: Die Floria Tosca der Angela Gheorghiu gestern: eine Enttäuschung.

Bereits im Liebesduett waren die stimmlichen Einschränkungen nicht zu überhören, ersetzte die Rumänin gesangliche Gestaltung durch schauspielerische. Gheorghiu agierte den ganzen Abend über, als stünde sie unter großem Druck. Nie schien sie zur Ruhe zu kommen, sich der stimmlichen Gestaltung widmen zu können. Übermäßigem Vibrato im oberen Register gesellte sich fehlendes Volumen im unteren zu. … Wir wußten auch dies. Doch nie zuvor war es so augenscheinlich geworden.

Nur im »Vissi d’arte« blitzten Erinnerungen an vergangene Zeiten auf, gelang die eine oder andere Phrase. Wie anders hatte das doch noch vor vier Jahren geklungen… Tempi passati.

VI.
Allgemein: Mit den Notenwerten — nahm man es gestern nicht so genau. Rhapsodische, freie Gestaltung lautete wohl die Losung. Dies akribisch anzumerken: zwangvolle Plage, Müh’ ohne Zweck… Denn: So oft auseinander wie gestern im Orchester selbst, zwischen Bühne und Orchester und den Sängern (zum Beispiel im Duett ToscaCavaradossi im dritten Akt) war man im Haus am Ring schon lange nicht.

Tosca, die 599.: — kein Ruhmesblatt.

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