Titelseite der Erstausgabe des Klavierauszuges von Puccinis Oper » Tosca «, herausgegeben von G. Ricordi (Ausschnitt) Public Domain

Titelseite der Erstausgabe des Klavierauszuges von Puccinis Oper » Tosca «, herausgegeben von G. Ricordi (Ausschnitt)

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« E luceva Tosca »

Von Josef Mugler

Ausgewählte Interpretationen von « Vissi d’arte ».

Das waren noch Zeiten! Vor mehr als einem halben Jahrhundert: Ein paar Studenten sitzen die halbe Nacht (oder war es die ganze?) beisammen, um Opernarien zu hören. Jeder hat etwas mitgebracht: Schallplatten natürlich, aus eigener Sammlung oder ausgeborgt. Warum? — Um ein gutes Dutzend (oder waren es zwei Dutzend?) mal die Stretta aus dem Troubadour zu hören, von verschiedenen Interpreten, ja, so viele Aufnahmen gab es damals schon, fast nur Studioaufnahmen, daher einigermaßen auch tontechnisch vergleichbar. Aber nicht um die Tontechnik oder die Gesangstechnik ging es uns — wir waren weder Musik- noch Gesangstudenten —, nein, es ging einfach ums Empfinden, um die Wirkung. Das gab allein schon genug Stoff für Gespräche, für Bestärkung oder Widerspruch — und für individuelle Wahrnehmungserweiterungen.

Heute geht das so: Man sitzt allein, am besten mit Kopfhörern, vor dem Computer (oder vielleicht sogar Mobiltelefon) und lässt sich aus der YouTube-Sammlung alles vorspielen, was den Weg dorthin gefunden hat. Doch Vorsicht! Da ist jede Menge Unbrauchbares auch dabei: private Mitschnitte von Vorstellungen, akustisch grauenhaft, alte Studioproduktionen, schon etwas besser, aber auch viel Professionelles, von Radio- oder Fernsehsendern Ausgestrahltes – und von der Tontechnik womöglich so sehr Geschöntes, dass der Originalton » echt live « ganz anders geklungen hat. Heutzutage ist ja live oft nicht wirklich live, sondern zeitversetzt, sodaß dem Tontechniker Zeit zum Schönen bleibt. Apropos Originalton im Opernhaus! Wer die Wiener Staatsoper kennt — das ist aber durchaus kein Spezifikum dieses Hauses, sondern kommt (vielleicht außer im Goldenen Saal des Musikvereins) überall vor —, weiß, daß es große Unterschiede in der Akustik gibt, je nachdem, wo man sitzt oder steht. Doch das ist eine andere Geschichte.

Was ich eigentlich berichten will: Anlässlich der letzten Tosca-Vorstellungen in der Wiener Staatsoper (zweite Hälfte März 2023), die unter Kritikern durchaus unterschiedliche Reaktionen auslöste, wollte ich einmal den Versuch wagen, eine Arie, das Vissi d’arte der Tosca, von verschiedenen Interpretinnen zu hören und zu vergleichen. Auf YouTube sind sie (fast) alle versammelt — soweit es schon Tonaufnahmen gab. Und eigene Erinnerungen spielen da auch mit.

Alle großen Soprane — von Callas bis Netrebko — haben entweder die ganze Oper auf der Bühne oder diese besondere Arie allein für eine Tonaufnahme gesungen. Ein Monsterversuch also. Um es vorwegzunehmen: Die meisten Aufnahmen sind — bei aller Unterschiedlichkeit der Stimmen und der Tontechnik — zu Herzen gehend. Das hat diese Arie einfach in sich: Tosca beschwört ihr Unglück, das sie in die brutale Gewalt des Tyrannen Scarpia getrieben hat, wo sie doch ihr Leben nur der Kunst geweiht hat und immer fromm und hilfsbereit war. Die Arie bietet den Interpretinnen daher eine fantastische » Spielwiese « für den Einsatz der eigenen Möglichkeiten, der stimmlichen wie der theatralischen.

Ich bin weder Stimm- noch Gesangstechnik- noch Tontechnikexperte. Was ich vergleichen kann, ist, wie mich eine Interpretation anspricht, berührt, mehr als das: nicht nur äußerlich berührt, sondern » ins Herz trifft «. Das allerdings heute vor dem Hintergrund von gut sechzig Jahren Opernerfahrung und, was beim Anhören von Aufnahmen aus der » Konserve « noch eine Rolle spielt: bei annähernd gleicher Stimmungslage. Die Aufnahmefähigkeit kann je nach Tagesverfassung oder Lebenssituation bekanntlich sehr verschieden sein. Im Alter nimmt (zum Beispiel) die Wahrnehmbarkeit der hohen Töne bei den meisten Menschen ab — und schon ist die aktuelle Wahrnehmung eine andere als in der Erinnerung an frühere Zeiten.

Sie sehen schon: Ich werde mit den Vorbehalten, mit den Kriterien, die man bei Vergleichen beachten muss, gar nicht fertig. Vielleicht tun sich professionelle Musikkritiker da leichter. Hoffentlich!

Nun kann ich natürlich auch nicht alle auf YouTube verfügbaren Aufnahmen in meine Betrachtungen einbeziehen. Es sind einfach zu viele. Ich kann auch nicht sagen, dass ich die » besten « auswähle. Denn es geht nicht um das Beste nach irgendwelchen objektiven Kriterien, sondern eben darum, was mir beim Zuhören tief ins Herz dringt. Nehmen Sie daher auch die Reihenfolge nicht als Wertung. Das ist kein Wettbewerb, wo eine als erste ins Ziel kommt und deshalb die Beste ist.

Nun wissen Sie, geehrte Leserinnen und Leser, worauf es mir ankommt und was ich bieten bzw. nicht bieten kann oder will. Somit: » Das Spiel kann beginnen! «

An wem kommt man nicht vorüber? — Natürlich an Maria Callas (1923 – 1977). Ich habe sie nie live gehört. Auf YouTube habe ich Aufnahmen der Arie Vissi d’arte von 1950 bis 1974 gefunden. Am eindringlichsten empfinde ich die Aufnahmen von Anfang der 50-er bis Anfang der 60-er Jahre. Das war bekanntlich ihre beste Zeit. Da sind auch einige technisch gute Studioaufnahmen dabei. Mit ihrer leicht metallisch gefärbten und dadurch (für mich) dramatisch aufgeladenen Stimme kehrt sie eindringlich das Leid und die Verzweiflung hervor, in die Tosca plötzlich, nach ihren Triumphen als Künstlerin, geraten ist. Sie läßt sich dafür viel Zeit, um ihre Ausdruckskraft auszukosten (besonders 1958 auf der Bühne des Palais Garnier in Paris).

Als ernstzunehmende Rivalin galt zu dieser Zeit Renata Tebaldi (1922 – 2004). Sie hatte den Ruf, sich auf der Bühne besser entfalten zu können als im Schallplattenstudio. Auch von ihr sind mehrere Aufnahmen verfügbar. Leider habe ich keine von der Premiere der Wiener Wallmann-Inszenierung unter Herbert von Karajan aus 1958 gefunden. Aber die Aufnahmen aus der Met (wohl auch aus dieser Zeit) und aus Stuttgart 1961 zeigen — ebenfalls in sehr langsamem Tempo — eine kraftstrotzende Tosca, die weniger ihr Leid als ihre Verzweiflung samt einer Aufbäumung gegen das Schicksal zum Ausdruck bringt.

Die 50-er und 60-er Jahre hatten noch viel mehr zu bieten: 1957 trumpfte Anita Cerquetti (1931 – 2014) in einer Studioaufnahme mit kraftvoller, strömender, im forte fülliger, leicht geschärfter, im piano mit sensibler, glockenreiner Stimme und mit leidenschaftlichem Vortrag auf. Cerquetti hatte zu dieser Zeit bereits an vielen großen Opernhäusern gesungen und hatte durch ein kurzfristiges Einspringen für Maria Callas als Norma 1958 in Rom Aufsehen erregt, zog sich allerdings bereits 1960 von der Bühne zurück.

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Ebenfalls ein Einspringen für Maria Callas, und zwar 1959 an der Met als Lady Macbeth, bescherte „unserer“ Leonie Rysanek (1926 – 1998) weltweites Echo. Natürlich sang sie auch Tosca — über mehrere Jahrzehnte. In der Gesamtaufnahme (in deutscher Sprache) aus 1953 ist sie noch spürbar darum bemüht, ihre prächtige Stimme, vor allem ihre kräftige Höhe, zur Geltung zu bringen. Ich habe sie in den 70-ern auf der Bühne der Wiener Staatsoper erlebt. Ihre Bühnenpräsenz, ihre sichere, reine Höhe waren ungeheuer mitreißend, ihre Tiefe von besonderer Eigenart mit leichten Intonationsproblemen, die aber — in meiner Wahrnehmung — ihren dramatischen Ausdruck nicht störten, sondern geradezu verstärkten (z.B. in einem technisch problematischen Live-Mitschnitt unbekannten Datums oder einer guten Studioaufnahme).

Fast eine Generation älter, aber bis in die 60-er bzw. 70-er Jahre hinein noch präsent, waren Zinka Milanov (1906 – 1989) und Magda Olivero (1910 – 2014). Milanov sang ein einziges Mal, nämlich 1937, in Wien die Tosca — übrigens noch als Zinka Kunc (auch: Kunz). Und Olivero sang überhaupt nur einmal an der Wiener Staatsoper, nämlich 1965, und das war ebenfalls die Rolle der Tosca, mit der sie übrigens erst zehn Jahre später (also mit 65 Jahren) an der Met als Einspringerin für Birgit Nilsson debütierte. Die Tontechnik der Vissi d’arte-Aufnahmen beider Sängerinnen aus den 50-er Jahren sind leider nicht die besten, lassen jedoch eine stupende Stimmkultur erahnen.

Neben den berühmten Interpretinnen aus dieser Zeit möchte ich eine weniger bekannte in meine Betrachtungen miteinbeziehen, und zwar Carla Martinis (1922 – 2010): erstens weil sich diese Sängerin vor den großen Namen durchaus nicht verstecken muss (Rudolf Bing, der legendäre Intendant der New Yorker Met, empfahl sie übrigens 1950 Herbert von Karajan als beste Aida) und zweitens wegen einer besonderen Begebenheit, die ich als Kind fast hautnah miterlebt hatte. 1957 stürzte ihr Sohn Boris, mein Mitschüler, so unglücklich von einer Gartenmauer, dass er an den Verletzungen starb. Und wenn ich heute — dank YouTube — den von ihr in einer Aufnahme aus 1953 in Deutsch gesungenen Schluss der Arie …warum, mein Gott und Herr, warum suchst du mich heim so schwer, so schwer? höre, schießen mir die Tränen in die Augen. Auch solche Umstände können bewirken, dass Musik tief ins Herz dringt.

Bevor ich mich an die Gegenwart heranpirsche: Eine darf ich nicht vergessen: Birgit Nilsson (1918 – 2005). Auch sie sang (natürlich) Tosca. Sie hat meine Begeisterung für Oper entscheidend geprägt, wenngleich in anderen Rollen. Wie sie es schafft, die Töne direkt und sicher anzusingen, das habe ich bei keiner anderen Sängerin erlebt. Sie mag nicht das Idealbild einer Tosca gewesen sein, aber ich muss ihre Stimme immer wieder hören — ich bin „süchtig“ danach. Ich meine heute noch im Ohr zu haben, wie diese Stimme den ganzen Raum der Wiener Staatsoper bis zur letzten Reihe der Galerie ausgefüllt hat. Wie für alle anderen gilt natürlich auch für sie: Man sollte sich an Aufnahmen aus ihrer besten Zeit, und die lag vor dem Ende der 70-er Jahre, halten (hier in einem Bühnenmitschnitt, ohne Datum und technisch nicht von guter Qualität, live konzertant aus dem Jahr 1960 oder aus einem Studio vor 1967).

Auch Opernfremde haben heute eine Meinung zu Anna Netrebko (* 1971). Manche kennen sie vielleicht sogar nur aus Medienberichten. Viele verehren sie, manche wollen schon erkannt haben, dass sie nicht mehr so gut ist wie früher und manche kritisieren politische Äußerungen von ihr. Das ist nicht mein Thema. Ich finde ihre Tosca, die sie anläßlich der Inaugurazione der Scala-Saison 2019/20 gesungen hat, einfach großartig. Die Vorstellung ist ebenfalls auf YouTube zu sehen und zu hören. Vielleicht gelingt es ihr in dieser Rolle nicht so ganz wie in anderen Rollen, total in die darzustellende Person hineinzuschlüpfen. Mag sein. Aber ihre warme, füllige Stimme bezaubert, verzaubert mich auch in dieser Rolle.

Um nicht auszuufern, bemühe ich mich, die lange Zeitspanne zwischen Nilsson und Netrebko, die vielen Opernfreunden heute sicher noch in guter Erinnerung ist, mit ein paar Beispielen zu füllen. Ich schaue in der Sammlung meiner Programmhefte der Wiener Staatsoper nach und finde neben bekannten auch viele unbekannte Namen. Für Tondokumente muss ich wieder auf YouTube suchen. Dabei stelle ich fest, dass ich zwar wohl einiges miterlebt, aber noch viel mehr versäumt habe.

Da ist zum Beispiel Montserrat Caballé (1933 – 2018) mit einer wunderbaren Studioaufnahme der Arie, mit großer Stimmkultur vorgetragen — auf Perfektion getrimmt, dafür vielleicht etwas weniger spannungsgeladen. Ich habe sie sofort nochmals angehört.

Wer die Tosca in Wien sonst noch gesungen hat, verrät ein Blick in das im Internet zugängliche Archiv der Wiener Staatsoper: Ich zähle 83 (!) Interpretinnen der Rolle seit dem von mir willkürlich herausgegriffenen Jahr 1970. Es wird unüberschaubar und mir wird die Unmöglichkeit meines Unterfangens bewußt, dieser Fülle gerecht zu werden. Den absoluten Rekord hält Gwyneth Jones (* 1936) mit 39 (an anderer Stelle: 40) Vorstellungen, gefolgt von Eva Marton (* 1943) mit 27 und Mara Zampieri (* 1951) mit 26.

Mara Zampieri will ich noch herausgreifen: Nicht alle mochten ihr manchmal extremes Anschleifen der Töne und ihr Timbre, aber mich hat es fasziniert; dazu die leicht metallische Färbung ihrer Stimme, die Spannung erzeugte, und ihr leidenschaftlicher Vortrag. Ich erwähnte bisher keine Partner der Interpretinnen, aber hier mache ich eine Ausnahme: 1989 war Giuseppe Taddei (1916 – 2010) ihr Partner als Baron Scarpia, damals schon 73 (!). Die Wiedergabe einer Vorstellung der Wiener Staatsoper auf 3sat ist zwar tontechnisch halbwegs brauchbar, aber leider optisch schwach. Doch wer die schon erwähnte und heute immer noch gespielte Wallmann-Inszenierung kennt, kann für sich leicht die optische Schwäche ausgleichen. Wie dieses Duett doch vor Spannung geradezu » knistert «, wie mit den Stimmen (die nach anderen Maßstäben vielleicht nicht oder nicht mehr optimal waren) Gefühle transportiert werden! Man könnte geradezu der Illusion unterliegen, die dem Vissi d’arte vorausgehende Szene spiele sich im echten Leben und nicht auf einer Theaterbühne ab. So muss es sein, wenn Oper begeistern soll!

Mit diesem Hochgefühl meiner eigenen Begeisterung will ich schließen. Nehmen Sie meine Auswahl als Kostprobe — und kosten Sie selbst, so oft Sie können, von den himmlischen Gaben der Musik und der menschlichen Stimmen.

Josef Mugler war im Hauptberuf Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Opernfreund und mit seiner Frau Elisabeth immer wieder nicht nur in der Wiener Staatsoper zu Besuch — auf der Galerie ebenso wie am Parterre-Stehplatz.

(Gastbeiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Diese muß nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.)

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