» Tosca «, 2. Akt: Angel Blue (Flora Tosca) und Vittorio Grigolo (Mario Cavaradossi) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Tosca «, 2. Akt: Angel Blue (Flora Tosca) und Vittorio Grigolo (Mario Cavaradossi)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giacomo Puccini: » Tosca «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Selten war eine Aufführung der Tosca so amüsant wie diese. Ich entsinne mich eines Tenors, der für das Duett O dolci mani ohne Sopran auf der Bühne stand. Ich entsinne mich eines Tenors, der mit einem hohen › c ‹ in der Kehle über die Bühne eilte. Doch drei primedonne in einer Vorstellung — das war neu.

II.
Die erste prima donna stand im Graben: Yoel Gamzou widmete sich seiner Aufgabe mit großem Elan und noch viel größeren Bewegungen. Das Staatsopernorchester übte subtile Rache und reagierte willig: Es knallte und schepperte, daß es eine Freude war. Man strich und blies nach Herzenslust, schrubbte am Cello, ließ die Hörner immer wieder mit leichter Schwebung erklingen. Selbst dem Kontrafagott stockte hie und da der Atem. Verständigte man sich einmal auf piano, begann der Mann am Pult sofort zu schleppen. Das brachte die Sänger, welche eben noch forciert hatten, was die Lungen hergaben, einmal mehr aus dem Tritt …

III.
Die zweite prima donna war im Personenverzeichnis der Oper als Tenor geführt: Die gesangliche Zeichnung des Mario Cavaradossi schwankte bei Vittorio Grigolo zwischen fortgesetztem forte und einem immer wieder eingesetzten fake-piano. Grigolo ging mit breit geführter, heiserer Stimme zu Werke. Immer wieder brach das fake-piano die Linie, ließ sein Gesang auch innerhalb einer Phrase große, plötzliche Lautstärkenunterschiede hören. Am deutlichsten war dies bei E lucevan le stelle zu hören: Grigolo setzte einen Ton im fake-piano an, mußte kurz auf ein forciertes forte umschalten, um ihn zu halten, ehe die Lautstärke wieder abfiel. (Wer solches kritisch würdigt, ist ein Niveau-Schänder.)

Der Italiener suchte seine inzwischen unüberhörbar gewordenen stimmlichen Defizite mit Outrieren und kindischem Gehabe zu übertünchen. Im ersten Liebesduett wandte Grigolo plötzlich den Kopf, Tosca umfangend, dem Publikum zu, als wollte er uns zu Komplizen seines Tuns machen. Die Vittoria-Rufe waren laut, lang — und unsauber gesungen. Im finalen Liebesduett breitete Grigolo plötzlich vor der Generalpause applausheischend (und rücksichtslos gegenüber seiner Partnerin) die Arme aus, als gelte es, gefeiert zu werden. Wirklich setzte von einem Teil des Publikums Applaus ein; — ob in Unkenntnis des Werkes oder als Provokation des Tenors, getraue ich mich nicht mit Bestimmtheit festzustellen. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Abend ohnehin bereits in die Lächerlichkeit abgeglitten.

» Tosca «, 2. Akt: Ludovic Tézier (Barone Vitellio Scarpia) und Angel Blue (Floria Tosca) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Tosca «, 2. Akt: Ludovic Tézier (Barone Vitellio Scarpia) und Angel Blue (Floria Tosca)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

IV.
Die dritte prima donna schließlich war Angel Blue als Floria Tosca. Die bereits im März 2016 anläßlich ihres Haus-Debuts als Mimì festgestellten, stimmlichen Defizite verstärkten sich in den letzten Jahren. Sie waren, zumal in der Spinto-Partie der Tosca, die außerhalb Blues stimmlicher Möglichkeiten liegt, verstärkt zu vernehmen: die Verspannungen der Kehlkopfmuskulatur im Bereich oberhalb des passaggio, die offenen und daher unfokussierten Spitzentöne. Oftmals wechselte die Lautstärke von einer Silbe zur nächsten — doch so läßt sich keine Linie bilden, darauf zu bauen, darauf eine Interpretation zu gründen wäre. Blues Textdeutlichkeit tendierte gegen null. Einzig Vissi d’arte stach ein wenig aus dem Wortundeutlichkeitsnebel heraus (für Interessierte: Magda Olivero 1962 live in Amsterdam zum Vergleich).

Als wären die musikalischen Unzulänglichkeiten nicht genug, präsentierte sich die » Miss Hollywood 2005 « auch mit der schauspielerischen Gestaltung ihrer Partie heillos überfordert: wieder eine Tosca, die Sant’Andrea Della Valle ohne Handschuhe betrat und den Schleier absetzte, beim zweiten Mal ohne ihn erschien. Im zweiten Akt fehlten die großen, weißen Abendhandschuhe (doch niemals wäre die berühmteste Sängerin Roms ohne Handschuhe gegangen). Auch im Finale des zweiten Aktes war Blue zu früh dran, die Kerzen des Leuchters zu löschen und Scarpia das Kreuz auf die Brust zu legen — dabei wurden die richtigen Momente für diese Handlungen von Puccini in der Partitur festgelegt. (Man sollte annehmen, daß solches immanenter Teil des Rollenstudiums ist.) Und im dritten Akt flüchtete diese Tosca viel zu früh auf den Umgang und warf den Umhang, ehe Spoletta noch das untere Ende der Treppe erreicht hatte.

V.
Nur Ludovic Tézier in der Partie des Barone Vitellio Scarpia verlieh dem Abend seine Berechtigung. Doch auch dieser Scarpia kämpfte im ersten Akt mit Gamzous orchestralem Hurrikan; blieb einige Male unhörbar, wie z.B. in Teilen des Te deums, wo er zusätzlich gegen den Staatsopernchor anzusingen hatte. Tézier wußte als einziger eine gesangliche Linie zu formen, seine Lust und Begierde musikalisch auszudrücken. — Der guten Ordnung halber sei erwähnt, daß auch Téziers Stimme im Bereich des passaggio eng wurde und angespannt klang. Dennoch war er an diesem Abend der einzige, dessen Gesang verschiedene Farben aufwies, der seine Figur mit der Stimme darzustellen trachtete.

VI.
Aber schon Karl Kraus wußte: Die Hauptsache ist auch in der Kunst, daß man gesund ist und keine Kopfschmerzen hat.

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