Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

Dekorationsskizze von Ernst Stern für die Uraufführung von »Ariadne auf Naxos«, Oper in einem Aufzuge von Hugo von Hofmannsthal, Musik von Richard Strauss, zu spielen auf dem »Bürger aus Edelmann« des Molière (1912) <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beginn_der_Oper_(Boston_Public_Library).jpg">Wikipedia Commons</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>) via the Boston Public Library

Wikipedia Commons (CC BY 2.0) via the Boston Public Library

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Feuilleton

Richard Strauss-Tage:
»Ariadne auf Naxos« in Wien

Von MICHAEL KREBS

Mitten in den Wirren des ersten Weltkrieges, am 4. Oktober 1916, feierte die Oper Ariadne auf Naxos eine glanzvolle Première an der Wiener Hofoper. Franz Schalk stand am Pult, der Komponist Richard Strauss wohnte der Vorstellung als Ehrengast bei.

Hervorragende Kritiken waren das Resultat dieser Uraufführung. Richard Strauss wurde nicht nur als raffinierter Orchestrator, sondern auch für seine melodischen Erfindungen äußerst gelobt. Das Resumée von Julius Korngold: »Mag auch die todgeweihte Ariadne Dionysos zufallen – in Strauss’ Musik herrscht Apollo…«

Kreation einer neuen Operngattung

Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelten sich verschiedene Operngattungen: die ernste Oper (opera seria) und die komische Oper (opera buffa).

Der studierte Romanist Hugo von Hofmannsthal hatte sich seit der Entstehung des Librettos zu Der Rosenkavalier intensiv mit Molières Komödien und der italienischen Stegreifkomödie auseinandergesetzt. Ursprünglich plante Hofmannsthal eine 30-Minuten-dauernde Oper für kleines Orchester in einer Mischung aus heroisch-mythologischen Personen in Kostümen des 18. Jahrhunderts,und Figuren der commedia dell’arte, wo sich in das Heroische ein fortwährendes Buffo-Element hineindrängt. Hofmannsthal strebte eine mögliche Verbindung der beiden kontroversiellen Opernformen an: seria versus buffa.

Zum Inhalt

Ein neureicher Wiener gibt in seinem Hause ein Fest und läßt zur Unterhaltung seiner Gäste eine commedia dell’arte und eine tragische Oper in einem Stück aufführen. Im Vorspiel sind alle Personen ob des Befehls der gleichzeitigen Aufführung von Oper und Stegreifkomödie total konsterniert. Allein Zerbinetta verliert nicht den Mut und ermuntert ihre Kollegen, mit ihrem Charme und im Bewußtsein ihrer Spontaneität einfach das Spiel zu beginnen.
Eine öde Insel bildet den Schauplatz der Oper. Ariadne, von Theseus verlassen, beklagt ihr Schicksal und ersehnt den Tod. Zerbinetta erteilt der Heroine eine Lektion, wie männliche Untreue durch neue Liebe ersetzt werden kann. Drei Genien verkünden die Ankunft eines Gottes. Ariadne sinkt dem vermeintlichen Todesgott in die Arme. Doch Bacchus, der Gott, erweckt sie durch neue Liebe zu neuem Leben.

Die Genese

Am 25. Oktober 1912 wurde die erste Fassung der Ariadne auf Naxos am kleinen Haus des Hoftheaters in Stuttgart uraufgeführt. Diese bestand aus Molières Der Bürger als Edelmann in der Bearbeitung von Hofmannsthal und der Musik von Strauss. Im Anschluß wurde die Oper Ariadne auf Naxos als »abschließendes Divertissement« geboten. Die Uraufführung unter der Regie von Max Reinhardt und der musikalischen Leitung des Komponisten erzielte nicht den erwarteten Erfolg. Eine grundsätzliche Bemerkung von Richard Strauss: »Das eigentliche Schauspielpublikum kam nicht auf seine Kosten, das Opernpublikum wußte nicht viel mit dem Molière anzufangen.«

Ursprünglich war das Werk als »Zwischenarbeit« auf dem Weg zu Die Frau ohne Schatten geplant. Die endgültige, zweite Fassung beschäftigte beide Künstler allerdings über einen längeren Zeitraum.

Hugo von Hofmannsthal, ein Verehrer der Kultur Frankreichs, übersetzte Molières Der Bürger als Edelmann. Molières Komödie war ursprünglich eine Ballettkomödie (comédie-ballet) mit Musik von Jean-Baptiste Lully. König Ludwig XIV. selbst gab den Auftrag zum Werk. Der historische Anlaß war eine Zusammenkunft von Ludwig XIV. mit Süleyman Aga im Jahre 1669. Türkische Sujets waren zu jener Zeit sehr beliebt. Hofmannsthal ersetzte in seiner Bearbeitung das türkische Ballett durch die Oper Ariadne auf Naxos.

Ein »neues Genre« wollte der Dichter schaffen, »eine geistreiche Paraphrase des alten heroischen Stils, durchflochten mit dem Buffostil«. Hofmannsthal schwebte eine Wiederbelebung — bis zur vollkommenen Rückkehr — der sogenannten »Nummernoper« vor, im Gegensatz zu Wagners durchkomponierter Form. Selbst der Stoff aus der griechischen Mythologie könnte als Kontrapunkt zu Wagners deutscher Sagenwelt verstanden werden.

Der Dichter schuf zunächst ein Szenarium, welches die Verbindung von Komödie und Tragödie, eine Kombination aus Sprechtheater mit Bühnenmusik und der Oper, darstellte: — also die Vereinigung von Theater, Tanz, Gesang und Pantomime. Strauss dagegen bezeichnete das Szenarium als »Gerippe« und verlangte von Hofmannsthal, er solle seinen »Pegasus etwas stimulieren, damit der Versklang mich etwas aufreizt. Eine schwungvolle Rhetorik kann mich genügend betäuben, um mich über nicht Interessantes glücklich hinwegkomponieren zu lassen.«

Der Arbeitsprozess hat einen der aufschlußreichsten und schönsten Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und Strauss zur Folge, darin der Librettist seine Dramaturgie erläutert.

Das Werk behandelt ein simples Lebensproblem, das Problem der Treue. Entweder man halte »an dem Verlorenen« fest »bis an den Tod« oder man lebe weiter, »verwandle« sich, denn Verwandlung bedeutet im Sinne Hofmannsthals das Leben und ist das »eigentliche Mysterium der schöpferischen Natur«.

In der Oper werden zwei kontrastreiche Sphären einander gegenübergestellt: das vom Klang her »fremdartig, orientalisch-märchenhafte« von Ariadne und Bacchus im Gegensatz »zu der melodisch-durchsichtigen Tonwelt« Zerbinettas und Harlekins. Heroen oder Götter stehen dem gewöhnlichen Menschen gegenüber.

Ariadne erfährt das »Wunder, den Gott«, welcher »Tod und Leben zugleich« ist, während für Zerbinetta der Wechsel ihrer Liebhaber einfach nur Leidenschaft bedeutet. Zerbinetta interpretiert das Schicksal Ariadnes als »Tausch eines neuen Liebhabers«. So sind die beiden doch Seelenverwandten am Schluss »ironisch verbunden«, wie sie eben nur verbunden sein können, durch das »Nichtverstehen«.

In der Oper Ariadne auf Naxos wird trotz »der bizarren Mischung des Heroischen mit dem Buffo, in den zierlich gereimten Versen, den geschlossenen Nummern, dem ganzen scheinbar puppenhaft Spielerischen« die Haupthandlung so behandelt, daß dem »Durchschnittshörer etwas äußerst Vertrautes« gezeigt wird: »Ariadne, von Theseus verlassen, vom Bacchus getröstet, kurz ›Ariadne auf Naxos‹ «. Hofmannsthal sah in der Figur der Ariadne Parallelen zur Marschallin im Rosenkavalier. Dadurch wird Ariadne menschlicher als die mythologische Figur.

Richard Strauss schrieb selbstbewußt über sein Werk: »Meine Partitur ist als Partitur wirklich ein Meisterstück, das mir sobald keiner nachmacht.« Hofmannsthal meinte über die Musik zur Figur der Ariadne, sie sei »nichts Barockes, nichts Verschläfertes«, sondern wahrer Ausdruck. Für Zerbinettas Koloraturarie standen Mozart, Bellini und Donizetti Pate. Strauss an Hofmannsthal: »Bezüglich der Form der bekannten Koloraturarien lassen Sie sich bitte von Selma Kurz (führende Koloratursopranistin): Sonnambula, Lucia, Gilda, auch Mozartsche Rondeaus vorsingen.«

Wie konzentriert und bewusst auf die Wirkung der neuen Form der Oper und Überlegungen für die zukünftige Inszenierung und musikalische Interpretation Strauss und Hofmannsthal arbeiteten, sollen einige Auszüge aus dem Briefwechsel zeigen.

Für die Schlußszene beharrte Hofmannsthal beispielsweise darauf, dass Zerbinetta erscheinen müsse und das Paar Ariadne-Bacchus mit den Worten kommentierte: »Kommt der neue Gott gegangen, hingegeben sind wir stumm«. Strauss’ Antwort: »Ihr Wunsch ist mir Befehl«. Resümierend meinte er: »Ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß das Vorspiel zu ›Ariadne‹ der neue eigene Weg ist, der gegangen werden muß«. Und stellte ironisch fest: »Bei der Oper hab’ i die Strich’ glei mitkomponiert.«

Hofmannsthal war der Schlusseffekt so wichtig, daß er bezüglich der szenischen Realisierung in der Hofoper darauf bestand: »Es müssen mit Zerbinetta ihre Gefährten mitkommen, und müssen für einen Augenblick Licht bekommen und dastehen.«

Durch den langen Schöpfungsprozess entstanden zu diesem Thema drei Bühnenwerke und eine Orchestersuite: Neben den beiden Fassungen von Ariadne auf Naxos aus den Jahren 1912 und 1916 und der erfolgreichen Uraufführung der zweiten Fassung schuf Richard Strauss eine Schauspielmusik zu Molières Der Bürger als Edelmann in der dreiaktigen Übersetzung von Hugo von Hofmannsthal. Diese Fassung wurde am 9. April 1918 im Deutschen Theater in Berlin unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt. Im Jahre 1919 schließlich komponierte Strauss die Orchestersuite Der Bürger als Edelmann, op. 60/IIIa. Die Uraufführung fand am 31. Jänner 1920 im Winterpalais des Prinzen Eugen in der Himmelpfortgasse in Wien statt. Die Wiener Philharmoniker spielten, der Komponist dirigierte. (Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker interpretierten dieses Werk Mitte August 2016 im Rahmen der Salzburger Festspiele.)

Ariadne auf Naxos zeigt deutlich, wie die Zusammenarbeit zwischen einem großen Dichter und einem großen Komponisten ein großes Werk entstehen läßt.

(In Zusammenarbeit mit Rupert Strobl.)

Vorstellungen von Ariadne auf Naxos finden im Rahmen der Richard Strauss-Tage an der Wiener Staatsoper am 23., 26. und 29. November 2017 statt.

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