Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

Alfred Rollers Enwurf für das Bühnenbild der Erstaufführung der Oper »Elektra« von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss an der Wiener Hofoper am <a href="https://archiv.wiener-staatsoper.at/performances/27596">24.&nbsp;März&nbsp;1909</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_Roller_Elektra_1909.png">Wikipedia Commons</a>

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Anmerkungen zu den Dekorationsskizzen für »Elektra«

Von ALFRED ROLLER

Das Bühnenbild wird von der Palastfassade beherrscht, die den ganzen, sehr wenig tiefen Hintergrund füllt. Mit ihren 1 m hohen und 2 bis 5 m breiten Quadern, ihren ungeschlachten Strebepfeilern und kleinen Fenster- und Türöffnungen macht sie den Eindruck einer Festung, die unerschütterlich ist wie das Fatum selbst.

Der Maßstab des Details mußte so groß als irgend möglich genommen werden, um die Impression der ungeheuren Ausdehnung der ganzen Bauanlage zu erwecken, zu der dieser kleine, auf der Bühne sichtbare Teil gehört. Rechts wird neben einer Ecke der Fassade ein kleiner Fleck Luft sichtbar. Transparent: erst orange, dann rosa, dann dunkelblau durchleuchtet, nach links scheint sich die Fassade weiter fortzusetzen.

Der Auftritt des Orest vom Hofe her kann nur seitlich liegen, da ein Auftritt in der Rückwand die Wucht des Bauwerkes, die durch die Handlung erfordert wird, aufheben würde, ferner deshalb, weil ein Auftritt des Orest durch die Rückwand nicht mehr die unmittelbare Vorstellung erwecken würde, daß er aus der Fremde kommt, sondern leicht die Meinung hervorbringen könnte, daß auch er, wie alle durch die Rückwand auftretenden Personen, aus dem Hause komme. Diesem Mißverständnis müßte dann erst durch eine kompliziertere Dekorationsanlage (und Beleuchtung) vorgebeugt werden, was den gewollt einfachen Gesamteindruck des Bühnenbildes brechen würde.

Alfred Rollers Enwurf für das Bühnenbild der Erstaufführung der Oper »Elektra« von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss an der Wiener Hofoper am 24. März 1909 -- Wikipedia Commons

Alfred Rollers Enwurf für das Bühnenbild der Erstaufführung der Oper »Elektra« von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss an der Wiener Hofoper am 24. März 1909

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Das Bühnenterrain gliedert sich in zwei Stufen. Die vordere ist gewachsener Grund. In den Winkeln und Ecken Kehrichthaufen. Beim Brunnen Wasserlachen. Hier lebt Elektra. In dem Mauerloch unter der Stiege links, die zu den Dienerräumen führt. Sonst wird dieses Terrain nur von den Mägden betreten, wenn sie am Brunnen rechts Wasser schöpfen.

Durch die Verlegung des Brunnens nach rechts und des Einganges zu den Dienerwohnungen nach links ist der, für das einleitende Gespräch der Mägde nötige lange Weg gewonnen. Alle anderen Personen des Dramas betreten dieses untere Terrain nicht, sondern bewegen sich auf dem erhöhten, der Fassade unmittelbar vorgelagerten Mauerpodest, das entfernt an eine antike Bühne erinnert und auf den von ihm herabführenden Stufen.
Elektra selbst erreicht diese Höhe vollständig erst in ihrem Gespräch mit Orest und verläßt sie dann nicht mehr bis Ende.

Der Opferzug muß viel mehr gehört als gesehen werden, wenn er grausig und nicht ernüchternd wirken soll. Zu sehen ist bloß das Flackerlicht vieler rotleuchtender Fackeln, erst hinter dem Mittelfenster im ersten Stock, dann hinter dem Parterrefenster links, das die Schatten huschender Gestalten erkennen läßt.

Auch von dem Kampf am Ende soll fast nichts als ein Laufen und Verfolgen unkenntlicher Gestalten im Innern des Hauses zu sehen sein.

Dieser Beitrag von Alfred Roller erschien in » ›Der Merker‹. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater«. Jahrgang I, Teil I, Oktober – Dezember 1909, Heft V, S. 187ff. Via HathiTrust Digital Library.

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