Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Don Carlo«, 1. Akt: Filippo II. (Ferruccio Furlanetto) in der großen Szene mit Rodrigo (Plácido Domingo) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Giuseppe Verdi: »Don Carlo«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Mit der Einladung an Plácido Domingo, sein Rollen-Debut als Rodrigo in Wien zu geben, glückte Dominique Meyer ein coup de théâtre. Um Domingo engagierte die Staatsoper international anerkannte Sänger. Und doch wurde es keine ausgezeichnete Vorstellung, sondern nur eine mittelmäßige. Dies hatte mehrere Ursachen.
(Im Verlaufe der Begebenheiten wird das alles klarwerden.)

II.
Nach der Premieren-Serie von Verdis Rigoletto kehrte Myung-Whun Chung wieder an das Pult des Staatsopernorchesters zurück. Der Südkoreaner schien sich nicht sicher zu sein, an welchen Stellen denn nun das Tempo anzuziehen und wo nachzugeben wäre. Chung setzte auf Lautstärke, was fast alle Sänger zum Forcieren verleitete. Außerdem klappte die Kommunikation zwischen Bühne und Orchestergraben nicht immer reibungslos, verwackelte Einsätze (auch des Chores) waren die Folge. Erfolgreiche Dirigate klingen anders.

III.
Ferruccio Furlanetto, ein erfahrener Filippo II., lief erst mit »Ella giammai mamò« zu jener Form auf, in welcher wir ihn doch so gerne hören wollen. Wie er allerdings in dieser Szene den König als verletzten Ehemann zu zeichnen wußte, kurz danach hin- und hergerissen war zwischen Wut und Sorge um die ohnmächtig werdende Königin, das zählte zu den Höhepunkten des Abends.

IV.
Allgemein triumphierte gestern abend die Lautstärke über die musikalische Gestaltung.

Auch die Elisabetta der Krassimira Stoyanova bildete da keine Ausnahme. Die Stimme der Bulgarin wurde in den letzten Jahren runder, voller. Im großen und ganzen kann von einer guten Leistung berichtet werden, wenngleich Stoyanova generell nicht mit vielen Stimmfarben aufzuwarten weiß. Im tiefen Register waren einige ungewollte Wechsel der Stimmfarbe zu verzeichnen: — in der Regel Ausdruck wechselnden Stimmsitzes. Auch wollte im finalen Duett zwischen Don Carlo und Elisabettakeine rechte Stimmung aufkommen. Ob dies an der Inszenierung oder auch an der fehlenden musikalischen Gestaltung der Szene lag — wer weiß?

V.
Es könnte allerdings auch an Partner Ramón Vargas gelegen sein. Der Sänger des Don Carlo konnte in der gestrigen Vorstellung die in ihn gesetzten Erwartungen bei weitem nicht erfüllen: Vargas’ Stimme klang den ganzen Abend über verspannt, unfrei, belegt. Oftmalige, unmotivierte Wechsel der Stimmfarben waren zu konstatieren, das obere Register schien nur unter Druck anzusprechen, und auch da nicht immer nach Wunsch. 

VI.
Auch die stimmliche Gestaltung des Grande Inquisitore durch Alexandru Moisiuc ließ viele Wünsche offen. Da klang nichts bedrohlich, gefährlich oder anderswie aufregend. Sondern, als hätte sich der gute Frère Laurent aus Gounods Roméo et Juliette in den Escorial von Filippo II. verirrt. »Inquisition? Nie gehört.«

»Don Carlo«, 1. Akt: Principessa Eboli (Elena Zhidkova) promeniert an der Hand Rodrigos (Plácido Domingo) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

»Don Carlo«, 1. Akt: Principessa Eboli (Elena Zhidkova) promeniert an der Hand Rodrigos (Plácido Domingo)

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

VII.
Plácido Domingo, in der Mittagssonne seiner Carrière weltweit gefeierter Tenor, sorgt im späten Abendrot seiner Carrière immer noch für volle Häuser. Es ist dies auch Ergebnis jahrzehntelang geübter Disziplin, großen Fleißes, kluger Auswahl der Partien und täglichem Training zur Erhaltung des technischen Niveaus. Das war auch gestern wieder festzustellen. … Wie anders klangen da Hila Fahima mit den bereits bekannten Problemen beim legato als voce dal cieloCarlos Osunas ungeschlachter Tenor bei seinen Einsätzen als Conte di Lerma bzw. araldo reale oder der gleichmäßig orgelnde, musikalisch leider völlig uninteressante Fratre/Carlo Quinto des Ryan Speedo Green: Der unmittelbare Vergleich ließ die Jungen alt aussehen. Sehr alt.

Allerdings: Man ist hier, die Wahrheit zu sprechen. … Dient also Verdis Partitur als einzig gültiger Maßstab, bleibt festzustellen, daß der ehemalige Weltklasse-Tenor nach dem Fachwechsel nicht an die Leistungen seiner früheren Bariton-Partner heranreicht.

Sind Einwände der Nachgeborenen valide, es gelte die am Abend gebotene Leistung, nicht die verklärte Erinnerung an Leistungen früherer Jahrzehnte? Bedeutete nicht, Domingo als Bariton zu akzeptieren, ihn derselben Wertung zu unterwerfen wie alle anderen Rollenvertreter des Rodrigo auch (mögen sie nun Bastianini, Bruson, Cappuccilli, Hvorostovsky, Keenlyside, Protti, Waechter oder wie auch immer heißen)?

Dient Verdis Partitur als Maßstab, muß der Befund ungünstiger ausfallen: Gestern abend rettete sich Domingo fast ausschließlich ins mezzoforte oder forte, begann bei länger auszuhaltenden Tönen zu tremolieren. Selbst des Spaniers immer noch funktionierende Technik vermochte dessen Alter nicht mehr zu verleugnen. So manche Phrase geriet uneinheitlich, zeugte von zu kurzem Atem: — vor allem im Duett mit Filippo II. und den ausladenden, im pianissimo notierten Kantilenen der Rodrigo-Arie. Da konnte man, hörte man nicht mit Scheuklappen, mit Domingos Leistung insgesamt gesehen nicht recht glücklich werden.
’s ist halt vorbei.

VIII.
Die Krone des gestrigen Abends ging jedenfalls an Elena Zhidkova für eine aufregende, aufwühlende und mitreißende stimmliche Gestaltung der Partie der Eboli. (Szenisch bietet Daniele Abbados Arbeit ja kaum Gelegenheit zur Entfaltung.) Es ist lange her, seit man in Wien eine so rassige Prinzessin zu hören bekam (ich mußte im sarazenischen Lied öfters an »die Baltsa« denken). Das legato… Von »Nel gardin del bello« bis zu »O don fatale« paßte da sehr, sehr viel. Wiens Opernfreunde bekamen gestern abend eine prägnante, über den kompletten Stimmverlauf gleichmäßig ansprechende Stimme zu hören. Ein Versprechen für die Zukunft?

IX.
Insgesamt bot der gestrige Abend also eine Aufführung mit mehr Mängeln als Fehlern. Geplante Sternstunden finden eben nie statt.

250 ms