Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

»Die Zauberflöte«, 1.Akt: Sebastian Kohlhepp (Tamino) und die Damen des Arnold Schoenberg Chores © Herwig Prammer

© Herwig Prammer

Rezensionen Oper

Theater an der Wien

Wolfgang Amadeus Mozart:
»Die Zauberflöte«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Im Theater an der Wien gibt man zur Saisoneröffnung Die Zauberflöte. Leider sowohl szenisch wie musikalisch einige Wünsche offenlassend.

II.
Eine neue Mode grassiert unter den Spielvogten: Was Peter Sellars und Teodor Currentzis in Salzburg einem international Publikum andienten, wurde nun im Theater an der Wien von Torsten Fischer und René Jacobs fortgesetzt — mit ebenso wechselhaftem Erfolg: die Dekonstruktion einer Mozartoper, verbunden mit dem Einschub zusätzlicher, dem Stück nicht zugehörenden Werke. Was den einen Mozarts Messe in c-moll war, ist den anderen die Kantate »Die Ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer ehrt«, K 619, für Tenor und Klavier. Was in des Genius’ Geburtsstadt in willkürlich eingefügten Generalpausen und amputierten Rezitativen endete, mutierte in dessen Todesstadt zu gebrochenen Musikstücken, der Umwandlung gesprochenen Textes in Melodramen sowie einer textlichen Neufassung, für dessen Qualität das Publikum Emanuel Schikaneder seinerzeit von der Bühne gejagt hätte.

Schöne neue Opernwelt.

III.
Doch gemach! Ist es nicht Aufgabe der Spielleiter, die Werke der Großen und Größten neu zu denken? Was soll uns Die Zauberflöte heute sein? Eine Mär? Spiegelbild der Gesellschaft? Fischer ... wollte viel. Und erreichte wenig.

Es begann bereits bei der Ouverture. Diese stellte nicht nur Taminos und Paminas erste Begegnung, sondern auch Paminens Raub und die Überantwortung des Sonnenkreises an Sarastro vor. Daß Sarastro Pamina sexuell bedrängt, sie ihm — bei unterbrochener Ouverture — mit der völlig aus dem Zusammenhang gerissenen, weil laut Partitur an Tamino gerichteten Textstelle »O, das ist mehr als Kränkung — mehr als Tod!« aus dem zweiten Akt (18. Auftritt) antwortet: erster Hinweis auf die vermeintlich notwendige Belehrung eines Publikums, welches doch niemals so dumm ist wie von den Spielvögten vielfach angenommen.

Sarastro wird Pamina im Laufe des Abends übrigens noch einige Male sexuell belästigen in Weisen, dagegen sich des Mohren Avancen bescheiden ausnehmen. Dieser — im Theater an der Wien ist man politisch korrekt — darf selbstverständlich nicht als solcher benannt werden. Also heißt es dann »Monostatos, er wollte Liebe«, wo es doch »Der böse Mohr...« heißen müßte. Wie man überhaupt mit Schikaneders Text frei umspringt, ihn durcheinanderwürfelt, dort streicht, da hinzufügt. Das Ergebnis sieht dann auch so aus, als versuchte sich ein Farbenblinder am Zusammensetzen eines Puzzles von Luigi Arcimboldos »Der Sommer«. Irgendwie werden alle Steine schon mit Gewalt zusammenpassen...

Sarastro ist der Herrscher über den Sonnenkreis. Also jubeln ihm seine Mannen zu. Die finden sein Betragen gegenüber Paminen offenbar in Ordnung und auch nichts dabei, daß es in ihrem Reich Sklaven gibt. Und um Eingeweihter bzw. Herrscher dieses verlogenen Bundes zu werden, soll Tamino sich Prüfungen unterziehen? Darüber wäre wohl vom Spielvogt noch einmal nachzudenken gewesen...

Dafür eröffnete Fischer den zweiten Akt mit jener von Tamino gesungenen und von Franz Beyer instrumentierten Kantate, nachdem Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos als Ausstatter dem Publikum einen Zwischenaktvorhang mit den Symbolen der fünf Weltreligionen vorgestellt hatten. Da durften dann auch in die typischen Gewänder dieser Religionen Gewandete die Bühne bevölkern. Die als Muslima verkleidete Königin der Nacht wurde noch schnell entsorgt — sprich: von den drei Damen (rollendeckend Brigitte Christensen, Kai Rüütel und Katharina Magiera) von der Bühne geleitet —, ehe sich die Männerrunde zum Beschluß über die Tamino aufzutragenden Prüfungen zusammenfindet.

Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ersannen Fischer dafür eine Wand, darin, aus Stein gemeißelt bzw. in Stein gehauen, der Text eines Gedichtes von Luigi Nono nach Art antiker Steintafeln dargestellt wird. Allerdings sticht die christliche, deutsche Fassung gegenüber den anderen Übersetzungen hervor. ... Soviel zum Thema der Gleichberechtigung der Völker und Religionen...

Wie auch die Inszenierung eine frauenverachtende ist: Die listige Schlange — wird von den Damen des Arnold Schoenberg Chores (wie immer sehr präzise in all seinem Tun) vorgestellt. Die wilden Tiere, dem Publikum hinter einem Gitter präsentiert: die Damen des Arnold Schoenberg Chores. Nina Minasyan muß als Königin der Nacht in ihrer ersten Arie die Hüllen fallen lassen und Tamino becircen, angetan mit einem Unterkleid. Kann es für die Herrscherin eines Reiches etwas Entwürdigenderes geben? (Noch dazu, da sie — so weit, die Handlung zu ändern, traut man sich denn doch nicht zu gehen — zuvor Tamino Paminens Hand versprach?)

Widersprüche dieser Art gab es an diesem Abend zuhauf: — es ging also kaum etwas zusammen. Aber der geneigte Opernfreund versteht: In der Adaption eines Stoffes liegt das Heil der Flucht, nicht im stringenten Erzählen des in der Partitur Notierten.

»Die Zauberflöte«, 2. Akt: Nina Minasyan (Königin der Nacht), Sophie Karthäuser (Pamina), XXX (Sarastro) und der Arnold Schoenberg Chor in der Roller der das weibliche Element ablehnende Priesterschaft © Herwig Prammer

»Die Zauberflöte«, 2. Akt: Nina Minasyan (Königin der Nacht), Sophie Karthäuser (Pamina), XXX (Sarastro) und der Arnold Schoenberg Chor in der Roller der das weibliche Element ablehnende Priesterschaft

© Herwig Prammer

IV.
Doch wie ward’s um die musikalische Seite des Abends bestellt? Immerhin waren ja die Akademie für Alte Musik Berlin und René Jacobs aufgeboten, Originalklangspezialisten beide.

Zum ersten verwunderte, daß Jacobs Fischers Ideen der Brechung einzelner Nummern, dem Hinzufügen fremden Materials (als wären’s Schikaneder und Mozart nicht zufrieden gewesen) und der Hinzunahme eines Hammerflügels nichts entgegensetzen wollte. Hätte Mozart dem gesprochenen Text des Singspiels vom Orchester (oder Hammerklavier) begleitete Rezitative vorgezogen: Wir dürfen annehmen, er hätte sie komponiert.

Zum zweiten verwunderte z.B. in Paminas Arie »Ach, ich fühl’s« (in g-moll) das rasche Tempo. Jacobs begründet dies im Programmheft mit einem Artikel aus der Allgemeinen Musikzeitschrift (Leipzig, 1815), in welchem zu lesen sein soll, daß man damals die Arie doppelt so langsam gespielt habe als zu Mozarts Zeiten. Die Partitur weist als Tempobezeichnung jedenfalls Andante aus, und dafür war’s zu rasch. Sophie Karthäuser als Pamina mühte sich nach Kräften, blieb alles in allem jedoch stimmlich blaß. Da hatte Adriana Gonzalez in den Aufführungen der Oper Burg Gars einen viel günstigeren Eindruck hinterlassen.

V.
Ähnliches gilt von Sebastian Kohlhepp zu berichten, dem Tamino des Abends. Zum ersten überraschte sein relativ dunkles Timbre, zum zweiten die für einen lyrischen Tenor doch einiges Metall aufweisende Stimme. Darstellerisch war Kohlhepp durchaus präsent, der gesanglichen Umsetzung mangelte die Kunst der Phrasierung. (Ein Umstand, welcher nicht nur das »hohe Paar« einte.)

VI.
Nina Minasyan lieferte die Koloraturen der Königin der Nacht mit sicherer Artikulation, mußte aber im tiefen Register dem Umstand Tribut leisten, daß die Stimmung der Akademie für Alte Musik Berlin tiefer als gewohnt war. Und dies machte sich abseits der Arien bemerkbar. Die Leistungen von Minasyans Kolleginnen bei den Aufführungen der Oper Burg Gars im abgelaufenen Juli waren jedenfalls höher zu bewerten.

Der Sarastro Dimitry Ivashchenkos teilte Minasyans Schicksal: Im tiefen Register verlor des Russen Stimme merklich an Volumen, mochte da Jacobs noch so helfend das Tempo der Sarastro-Arien zu beschleunigen suchen. Hinweise im Programmheft auf Auftritte in anderen großen Häusern belegen somit nur, daß auch diese Bühnen dem technischen Können nicht mehr jene Bedeutung beizumessen scheinen, welche ihm zukommen sollte. Ivashchenkos Spiel folgte den Vorgaben Fischers — ich will es dem Sänger nicht zum Vorwurf machen.

»Die Zauberflöte«, 2. Akt: Sophie Die Königin der Nacht (Nina Minasyan) und die Drei Damen (Brigitte, Christensen, Kai Rüttle und Katharina Magiera) entschwinden nach der Übergabe des Dolches an Pamina (Sophie Karthäuser) © Herwig Prammer

»Die Zauberflöte«, 2. Akt: Sophie Die Königin der Nacht (Nina Minasyan) und die Drei Damen (Brigitte, Christensen, Kai Rüttle und Katharina Magiera) entschwinden nach der Übergabe des Dolches an Pamina (Sophie Karthäuser)

© Herwig Prammer

VII.
Michael Smallwood hatte es als Monostatos doppelt schwer: Nicht nur beraubte ihn der Spielvogt seiner ohnehin nicht großen Szenen, in Ermangelung (Einsparung?) eines Zweiten Geharnischten durfte sich der Mohr in dieser, einem Choral aus dem 16. Jahrhundert nachempfundenen Scene, als Zweiter Geharnischter und somit geläutert präsentieren. Um sich in der darauffolgenden Scene der Königin der Nacht erneut als Söldner andienen zu müssen...

Auch Stephan Loges als Sprecher und Florian Köfler als Priester agierten rollendeckend. Was aus der Scene vor den Tempeln (welche sich Ausstatter und Spielvogt selbstredend versagten, anstelle dessen dem Publikum wiederum das übergroße Gittertor vorstellten) zu gewinnen gewesen wäre — gestern blieb’s im Verborgenen.

VIII.
Daniel Schmutzhard machte als Papageno alle Mätzchen des Spielvogtes mit und fing Mädchen anstelle von Vögeln. Papageno, so Fischer in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch, »ist ein Provocateur, ein Entertainer, ein verrückter Kerl, ein Naschmarkt-Strizzi, ein Zuhälter: Er handelt bei mir ja nicht mit Vögeln, sondern mit Frauen.« Ob der Spielvogt je einen Gedanken daran verschwendet hatte, was die Königin der Nacht mit Papagenos Beute anstellen solle? Und wie Fischers Sichtweise mit Papagenos Text »Ein Netz für Mädchen möchte ich, ich fing’ sie dutzendweis’ für mich« zusammengehen würde?

Schmutzhard jedenfalls sang sein Auftrittslied am Seil hin und her springend und lieferte auch brav die seichte Textfassung ab, welche man »kontinuierlich auf den Proben« erarbeitet hatte (so Fischer im Programmheft). Der Arme. Was ein Bariton — so er auch über die dafür notwendige Stimmtechnik verfügt — aus der Partie des Papageno zu machen im Stande ist, demonstrierte nicht zuletzt Christian Gerhaher bei den Salzburger Restspielen 2006. Mittelmaß also auch hier.

Da soll die bemühte, allerdings nicht immer überzeugende Darstellung der Papagena von Katharina Ruckgaber nicht unerwähnt bleiben. Ebensowenig wie die Tatsache, daß man schon lang nachsinnen muß, um auf so eine dümmliche Umsetzung des Duett-Textes der beiden munteren Vögel zu kommen wie Fischer. Wir danken recht schön, aber: Wir haben’s schon g’wußt, gelt ja?

IX.
Während René Jacobs also dem Abend trotz gelegentlichen Unsauberkeiten im Graben viele schöne, im mindesten aber bedenkenswerte Momente abzuringen verstand, stülpte Fischer dem Werk seine Gutmenschen-Phantasien über. Anstatt einfach Die Zauberflöte zu inszenieren.

Letzteres scheint denn doch so einfach nicht zu sein.

 

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