Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

Alexandre Riabko vom Hamburg Ballett bei der Einstudierung von John Neumeiers »Le Pavillon d’Armide« © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Feuilleton

Wiener Staatsballett

Alexandre Riabko über »Le Pavillon d’Armide«

Von THOMAS PROCHAZKA

Alexandre Riabko im Gespräch über Le Pavillon d’Armide. Riabko, 2016 mit einem speziellen Prix Benois de la Danse »for excellence in partnering« ausgezeichnet, tanzte bei der Uraufführung am 28. Juni 2009 Nijinskys alter ego. (Otto Bubenicek war Nijinsky gewesen.) Damit erschien der principal dancer des Hamburg Ballett John Neumeier der Richtige, Auskunft zu geben über ein zuwenig bekanntes Werk.

Le Pavillon d’Armide, so Alexandre Riabko, hat eine interessante Geschichte und begründete 1909 den Ruhm der Ballets Russes bei ihrem ersten Gastspiel in Paris. Auch die Generalprobe sei schon eine ungeheure Sensation gewesen.

Zum Pas de trois

John Neumeier wollte bereits bei seiner ersten Nijinsky-Gala 1975 den pas de trois zeigen und war auf der Suche nach Zeitzeugen. Er fand Alexandra Danilova, die lange Zeit in den U.S. arbeitete. Sie hatte, als sie jung war, Le Pavillon d’Armide oft gesehen. Danilova erklärte sich bereit, den pas de troisfür die Nijinsky-Gala einzustudieren. Neben drei Tänzern des Hamburg Balletts tanzte auch Mikhail Baryshnikov.

2009 diente die Einstudierung von Alexandra Danilova als Basis, um zu erkunden, wie es damals, 1909, gewesen sein könnte. John Neumeier beabsichtigte, noch weiter in Richtung der Michel Fokinschen (eigentlich: Mikhail Mikháylovich Fokín) Tradition zu gehen, sich aus Fotos der Zeit der Uraufführung Informationen zu beschaffen. Bei der Umarbeitung erhielt der pas de trois die Form eines pas d’action — ein Mann, zwei Frauen, Armide und das alter ego.

John Neumeiers »Le Pavillon d’Armide«: Nina Tonoli (Alexandra Baldina) und Denys Cherevychko (Vaslaw Nijinskys alter ego) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

John Neumeiers »Le Pavillon d’Armide«: Nina Tonoli (Alexandra Baldina) und Denys Cherevychko (Vaslaw Nijinskys alter ego)

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Zur Handlung

Le Pavillon d’Armide beginnt damit, daß Vaslaw Nijinsky und seine Frau Romola in das Sanatorium Bellevue gebracht werden. Nach der Ankunft erscheinen Vaslaw Visionen aus alten Tagen. Er sieht einige seiner Rollen aus seiner ja nur zehn Jahre währenden Carrière, aber auch aus seiner Kindheit (dem Studium).

Im Sanatorium beginnt alles in einem kleinen Zimmer. Dann öffnet sich das Bühnenbild, und es kommt der farbenfrohe Prospekt zum Vorschein. Das, so Riabko, sei auch visuell berauschend. Bei diesem Prospekt handelt es sich um die Originalzeichnung von Alexandre Benois (1870–1960). Benois war 1901 szenischer Direktor des Mariinski-Theaters geworden. 1907 schuf er die Kostüme für die Uraufführung von Le Pavillon d’Armide

Eine Vision ist der berühmte pas de trois — mit Nijinsky als dem weißen Sklaven: In der Originalfassung erwacht der große Gobelin im Salon des Pavillons zum Leben. Heraus treten der Mann(der weiße Sklave) und zwei Frauen. In Neumeiers Choreographie übernimmt Nijinskys Frau Romoladie Rolle der Armide. Auch der danse siamoise zählte zu den berühmten Nijinsky-Partien.

Riabko findet vor allem den Unterschied zwischen den verschiedenen (Tanz-)Welten und der Neumeierschen Bewegungssprache interessant: Wenn die Visionen erscheinen, soll die Welt des klassischen, empirischen Tanzes des frühen 20. Jahrhunderts sichtbar werden. Dies zu verkörpern, sei eine sehr große Herausforderung. Als Tänzer kann man sich das vorstellen, meint Riabko, doch wirkt es leicht posenhaft. Die Aufgabe für die Darsteller liegt also darin, das gleiche Gefühl wie ihre Vorfahren vor rund einem Jahrhundert zu erwecken. Das ist aber nur möglich mit enormer Präsenz, Musikalität und Körpersprache.

Zur Musik

Eine große Rolle kommt dabei Nikolai Tscherepnins (1873–1945) Musik zu. Tscherepnin, der auch 1909 beim Pariser Gastspiel der Ballets Russes am Dirigentenpult gestanden war, schrieb für Le Pavillon d’Armide eine rund 65 Minuten dauernde, spätromantische Musik, die neben Anklängen an Richard Wagner und Peter I. Tschaikowski auch stark von Alexander Glasunow beeinflußt scheint.

2009, bei der Erarbeitung der Choreographie, erzählt Alexandre Riabko, waren für Teile der Partitur keine Aufnahmen verfügbar, andere Teile waren nur in Klavierauszügen erhalten. Dies inspirierte John Neumeier dazu, an einer Stelle des Balletts eine ganz alte Aufnahme, wie von einem Grammophon, einzuspielen. Sie soll die Erinnerungen des Mannes (Nijinksy) wachrufen. Und dann erscheinen die Figuren…

John Neumeiers »Le Pavillon d’Armide«: Mihail Sosnovschi als <em>Der Mann</em> (<em>Vaslaw Nijinsky</em>) in den Proben mit Janusz Mazon, Alexandre Riabko und Victor Huges vom Hamburg Ballett © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

John Neumeiers »Le Pavillon d’Armide«: Mihail Sosnovschi als <em>Der Mann</em> (<em>Vaslaw Nijinsky</em>) in den Proben mit Janusz Mazon, Alexandre Riabko und Victor Huges vom Hamburg Ballett

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Zur Einstudierung

John Neumeier entscheidet von Fall zu Fall, welche Lehrer die Einstudierung seiner Ballette bei anderen Compagnien begleiten sollen. Kevin Haigen hatte Le Pavillon d’Armide mit Alexandre Riabko einstudiert und war auch für die Wiener Einstudierung vorgesehen. Er mußte jedoch aus gesundheitlichen Gründen absagen. So fragte John Neumeier Alexandre Riabko, ob er diese Aufgabe übernehmen wolle — eine Première also auch für letzteren. Der principal dancer, verheiratet mit Silvia Azzoni, versuchte vor allem, den Tänzern des Wiener Staatsballetts das Gefühl zu vermitteln, ihre Rollen zu finden.

Zum Sich-Einlassen

Riabko erzählt, daß es für ihn immer wieder faszinierend ist, daß es in jedem Stück John Neumeiers — und Neumeier kreierte eine unglaubliche Vielfalt an Balletten in verschiedenen Richtungen und Stilen — immer um Emotion gehe. Um die Menschen und die Beziehungen, welche zwischen Menschen entstehen, und die Gefühle, die die Ballette in den Menschen hervorrufen.

Das Unglaubliche, so Riabko weiter, ist, daß für ihn als Publikum jede Bewegung, jede Körperdrehung, jeder Atemzug eine Geschichte erzählt — eine Bedeutung hat. Dies habe sich in 20 Jahren nicht geändert: »Als Tänzer habe ich zusätzlich das Privileg, in den Balletten mitzutanzen. Gleichgültig, in welcher Partie, jede Bewegung bedeutet etwas für mich — muß etwas bedeuten.«

Vorkenntnisse auf seiten des Publikums bedarf es keiner — nur des Sich-Einlassen-Wollens. »Ich glaube schon, daß das Publikum etwas empfinden wird. Man will berührt, berauscht werden. Für mich geht es in Johns Balletten immer darum, Gefühle zu finden. Man muß nicht alles verstehen — aber man empfindet etwas. Jedes von Johns Balletten erweckt eine Emotion.«

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