Der Merker

Dienstag, 21. November 2017

»Tosca«, 2. Akt: Tosca (Angela Gheorghiu) in Sorge um ihren geliebten Cavaradossi (Jonas Kaufmann) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Giacomo Puccini: »Tosca«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann gemeinsam auf der Bühne — das hätte ein großer Abend werden können an der Wiener Staatsoper. Es wurde ein mittelmäßiger, von vielen Spannungen geprägter. Angekündigte Sternstunden finden nicht statt.
So waren, nehmt nur alles in allem, die Begebenheiten.

II.
Die Kraft, mit welcher Eivind Gullberg Jensen bei seinem Haus-Debut am Pult des Staatsopernorchesters die Vorstellung mit dem Scarpia-Thema eröffnete, ließ keinen Zweifel daran, daß da einer nicht gewillt war, die Zügel aus der Hand zu geben. Nun, ein paar Mal waren denn doch unterschiedliche Auffassungen zwischen Bühne und Graben nicht zu überhören. Dennoch: Drei Tote binnen drei Stunden, lautete das Versprechen. Und Volkhard Steude am Konzertmeisterpult half fleißig mit, es wahr werden zu lassen.

III.
An diesem Abend jagte eine Überraschung die nächste: Kaum war Clemens Unterreiner als Cesare Angelotti halsbrecherisch in den Vorraum der Cappella Attavanti gestürzt, in zerrissenen Hosen und mit wirrem Haar, segelte auch schon der Mesner des Paolo Rumetz durch das Hauptschiff von Sant’Andrea Della Valle. Wir sind in der Post-Šramek-Ära angekommen. Rumetz sang den Mesner mit vollerem Ton und spielte ihn weniger gewitzt denn aufbegehrend: Dieser Mesner verhehlt seinen Widerwillen gegen den Cavaliere Cavaradossi nicht, der da an der Staffelei steht und sich zu gut ist, seine Farben selbst zu mischen.

IV.
»Dammi i colori!« Da war er: Jonas Kaufmann, der Welt bester Tenor von München. Groß angekündigt als Mario Cavaradossi, von vielen mit Spannung erwartet. Wie würde seine Stimme klingen nach der langen Auszeit? Live und unverstärkt?

Seltsam belegt klang sie, gaumiger als sonst und vor allem im ersten Akt sehr, sehr angestrengt. Kaufmann bot eine ungefähr der Partitur folgende Fassung von »Recondita armonia«: Nichts war’s mit den von Puccini notierten piani, den großen Bögen. Mezzoforte war dafür zuhauf im Angebot, forteauch, da erklimmt man die Spitzentöne leichter, wenn auch forciert. Aber was soll’s: Ed il pubblico applaude.

Kaufmanns Stimme wird den ganzen weiteren Abend über angestrengt klingen. Lediglich in der Mittellage wird er sich freisingen können, seine Stimme ihren von seinen Anhängern geliebten, einzigartigen Klang annehmen.

Im forte zu singende Passagen wie das »Vittoria!« gelingen hörbar leichter, da gehorcht die Stimme besser. Zeichen steter Überforderung, Tribut an vergangene Jahre? Bei »E lucevan le stelle« und »O dolci mani« wird Kaufmann mit meisterhafter Sicherheit das passaggio so rasch wie möglich durchqueren und mit der Kopfstimme das Auslangen zu finden suchen, nicht wie einige seiner Kollegen auch die Spitzentöne organisch aus dem tiefen Register entwickeln. Der dadurch über weite Strecken manieriert wirkende Vortrag scheint kaum jemand zu stören.

Ed il pubblico applaude.

»Tosca«, 2. Akt: Tosca (Angela Gheorghiu) in Sorge um ihren geliebten Cavaradossi (Jonas Kaufmann) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

»Tosca«, 2. Akt: Tosca (Angela Gheorghiu) in Sorge um ihren geliebten Cavaradossi (Jonas Kaufmann)

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

V.
»Mario! Mario! Mario!« Nie mehr an diesem Abend sollte die Floria Tosca von Angela Gheorghiu so frei und unbeschwert klingen wie bei ihrem ersten Auftritt: Im ersten Akt gehorchte der Rumänin die Stimme noch am besten, gelang das Formen von Phrasen. Im dritten Akt wird Gheorghiu — sind es die Nerven? — einige Male distonieren, wenig legato hören lassen, früher doch eine ihrer Stärken.

Dazwischen, im zweiten Akt, gab sie die Diva. Nicht die Liebende. Die samtene Schleppe des Kostüms schien zu schwerfällig, hinderte sie in der Bewegung, am Spiel. Oftmals war die Rumänin gezwungen, mit beiden Händen zuzugreifen, um die schwere Schleppe hinter sich zu ziehen. Gheorghiu schien sich nicht wohlzufühlen auf diesen Brettern, welche doch angeblich die Welt bedeuten.

»Vissi d’arte« geriet von der Interpretation her zur Zirkusnummer. Von Händeringen bis Rampensingen war gestern alles im Angebot. Dabei klang Gheorghius Stimme seltsam trocken. Uneinheitlich. Da waren bei ihr bislang ungewohnte Vokalverfärbungen zu notieren. Hin und wieder reichte der Atem nicht für die Phrasen, wurde auf die Produktion von Tönen umgestellt. Ed il pubblico applaude…

Bei alledem blieb Gheorghiu seltsam unbeteiligt im Spiel, vor allem mit Kaufmanns Cavaradossi. Da sangen zwei nebeneinander, nicht miteinander. Offensichtlich wurde dies in den Duetten im ersten und dritten Akt: Liebende gehen anders miteinander um als Gheorghiu und Kaufmann gestern abend. Die vor einem Jahr geschlagenen Wunden: Sie sind nicht verheilt.

VI.
Marco Vratogna geriet als Baron Scarpia zwischen die Fronten. Stimmlich nicht überzeugend, mißlang ihm bereits die erste Phrase: »Un tal baccano in chiesa!« Natürlich verfügte Vratognas Stimme über die erforderliche Kraft für das Te Deum. Natürlich wußte sich ein erfahrener Sänger wie er im zweiten Akt in Szene zu setzen. Aber niemals erreichte er auch nur in Ansätzen die stimmlich spürbare Perfidie eine Thomas Hampson oder die Brutalität eines Bryn Terfel. 

VII.
Angekündigte Sternstunden finden nicht statt. Aber die »Bravo«-Rufe und der Applaus waren laut und anhaltend.

Da feierte ein Publikum seine Erwartungen, nicht das Gebotene. So etwas soll’s geben.

344 ms