Feuilleton

Kein Bruegel

Von Thomas Prochazka
Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525/30 – 1569 Brüssel): »Dulle Griet«, 1563 (Ausschnitt). Holz, 117,4 × 162 cm. Antwerpen, Museum Mayer van den Bergh © Museum Mayer van den Bergh/Foto: Thomas Prochazka

Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525/30 – 1569 Brüssel): »Dulle Griet«, 1563 (Ausschnitt). Holz, 117,4 × 162 cm. Antwerpen, Museum Mayer van den Bergh

© Museum Mayer van den Bergh/Foto: Thomas Prochazka

Eine Erregung (nach Thomas Bernhard).

Erst um halb zwölf Uhr mit Reger im Kunsthistorischen Museum verabredet, war ich schon um halb elf dort, um vorher die Bruegel-Ausstellung zu besichtigen, sagte Atzbacher. Gröblich vor den Kopf gestoßen ob der Weigerung des Publikumsdienstes, mir trotz des durch den Kauf einer Jahreskarte erworbenen Rechtes, jederzeit alle Sammlungen und Ausstellungen des Hauses besichtigen zu können, den Zutritt zu den Räumen mit den Bruegel-Bildern und -Graphiken zu gewähren, betrat ich den Pourbus-Saal, in welchen mich Reger bestellt hatte, um mir, wie er gesagt hatte, den fundamentalen Unterschied zwischen Oper und Musiktheater zu erläutern. Ich war immer ein Opernliebhaber gewesen, hatte Reger gestern erwähnt, als wir im Bordone-Saal vor dem Weißbärtigen Mann gesessen waren, schon von Kindesbeinen an, während ich das so­ge­nannte Musiktheater immer gehaßt habe. Die Oper habe ich immer geliebt, das Musik­theater immer gehaßt mit seinen Abgeschmacktheiten und seiner Besserwisserei; Musiktheaterhasser schon sehr früh. 

Immer noch beträchtlich erregt, ließ ich mich neben Reger auf der Bank im Pourbus-Saal nieder. Wie immer in Mantel und Hut, saß er da, auf seinen Stock gestützt. Unverwandt ging sein Blick auf Het Pelsken von Rubens, wie ich dachte, also betrachtete auch ich dieses Bild, welches in ka­tho­lischen österreichischen Kreisen seiner offenen Freizügigkeit wegen noch immer für Aufruhr zu sorgen imstande ist.

Kein Mensch interessiert sich für Rubens, äußerte Reger nach einer Weile, ohne seinen Blick von Het Pelsken zu wenden, während derer ich meine immer noch währende Erregtheit zu be­mei­stern versuchte. Alle drängen in die Bruegel-Ausstellung, aufgescheucht durch eine lediglich die Pressetexte des Kunsthistorischen Museums zitierende Berichterstattung, welche doch natur­gemäß schon längst keine mehr ist, weil die meisten Journalisten diese Pressetexte nur abschreiben und zu eigenen Betrachtungen gar nicht mehr fähig sind. Stumpfsinnig stehen jene, welche Einlaß gefunden haben, vor den Bildern und merken nicht, daß sie es sind, die im Alltag wie im Triumph des Todes in ihr Verderben geschickt werden. Mit offenen Mündern lauschen sie vor der Dulle Griet den aus den Audio Guides dringenden Allgemeinplätzen, die doch nichts erklären und aus welchen keinerlei Erkenntnisgewinn zu ziehen ist. Hier sehen Sie ein Monster mit einem Ring um den Bauch, tönt es aus den Apparaten, wo früher die Museumsführer ihre Nichterklärungen absonderten, da, sehen Sie, und dort sehen Sie dieses, sehen Sie, und da links sehen Sie das, als ob die Leute nicht selbst Augen im Kopf hätten, die Bilder zu betrachten. Aber was Bruegel mit den Monstern ausdrücken wollte, erklären die Museumsführer und die Audio Guides nicht. Die Besucher schieben sich an den Bildern vorbei, die Audio Guides am Ohr, und glauben, daß sie etwas erfahren, dabei werden ihnen nur Nichtigkeiten mitgeteilt. Verständnislos starren sie auf die Bilder und lauschen dabei den Stimmen aus den Audio Guides, aber sie haben längst verlernt, die Bilder selbst zu betrachten, sie sich zu erobern, eines nach dem anderen. Das dauert naturgemäß viel länger, sagte Reger, denn ich betrachte schon seit Jahren den Weißbärtigen Mann, wie ich heute ausführlich Het Pelsken betrachte, und bin damit doch immer noch nicht zu Ende gekommen. Aber die meisten Besucher hasten nur von Bild zu Bild, und nachdem sie die Bruegel-Ausstellung verlassen haben und eilig an den Rubens-Gemälden vorbei dem Ausgang zustreben, haben sie schon vergessen, was sie gesehen haben. Den wenigsten fällt auf, daß Bruegel dem rechten Speisenträger in der Bauernhochzeit drei Beine gemalt hat, und doch haben sie alle das Bild angestarrt durch die Sucher ihrer Fotoapparate und die Bildschirme ihrer Mobiltelefone. Auch die wie immer nichts erklärenden Bildunterschriften haben sie fotografiert, rief Reger und stieß so laut mit dem Stock auf, daß drei in Pudelhauben und dicke Mäntel gehüllte Japanerinnen vor Schreck auseinanderstoben, doch begriffen haben sie nichts. Aber das ist ja auch nicht der Zweck, fuhr Reger fort, sondern der Verkauf möglichst vieler teurer Eintrittskarten für eine Ausstellung, zu der einem, erst einmal ins Haus gekommen, praktisch der Zugang verweigert wird, denn welcher Mensch findet zweieinhalb Stunden Zeit, auf den Eintritt in eine Ausstellung zu warten, für welche er bereits ein überbezahltes Billett erworben hat. Nicht einmal essen gehen kann man in der Zwischenzeit, denn für einen Tisch im Restaurant unter der Kuppel des Kunsthistorischen Museums muß man sich ebenso lang anstellen, wie man auf das zugewiesene Zeitfenster wartt. Das Museum verlassen, um draußen ein Lokal aufzusuchen, kann man auch nicht, denn das Billett berechtigt nur zum einmaligen Besuch. So werden die Besucher zu Gefangenen des Kunsthistorischen Museums, zu Museums-Gefangenen, wie die Menschen im Der Triumph des Todes, jenes Bildes also, um dessentwillen sie alle ins Kunsthistorische Museum strömen, zu dieser einzigartigen Bruegel-Ausstellung, wie in den Zeitungen geschrieben wurde, und die sie nicht sehen können, weil ihnen der Zutritt verweigert wird.

Ich weiß, ich weiß, rief Reger, nachdem ich ihm mein Erlebnis von zuvor geschildert hatte, sagte Atzbacher, und es wundert mich überhaupt nicht! Welcher Jahreskartenbesitzer, etwa aus der öster­reichischen Provinz, macht sich auf Gut Glück auf nach Wien, nur um im Kunsthistorischen Museum angekommen zu erfahren, daß die Zeitfensterkarten für den aktuellen Tag bereits alle vergeben worden sind? Das Kunsthistorische Museum begeht Vertragsbruch gegenüber den Freun­den des Museums und den Jahreskartenbesitzern, das ist die Wahrheit! Eine unfähige Museumsleitung versagt darin, allen interessierten Jahreskartenbesitzern den doch vertraglich zugesicherten Zutritt zu dieser Ausstellung zu ermöglichen. Nur ein letzter Funke Anstand hält sie davon ab, diesen Vertragsbruch durch die Einhebung zusätzlicher Eintrittsgelder für die Bruegel-Schau auch für die breite Öffentlichkeit sichtbar werden zu lassen. Also verfällt diese Museumsleitung auf die Idee, anzukündigen, daß für jedes Zeitfenster kurzfristig Zählkarten für die Jahreskartenbesitzer und die Freunde des Kunsthistorischen Museums ausgegeben werden, denn man bewirbt den Erwerb von Jahreskarten damit, jederzeit alle Sammlungen und Aus­stel­lungen des Museumsverbandes besuchen zu können, ohne sich anstellen zu müssen. Aber auch dabei scheitern die Verantwortlichen des Hauses in ihrer organisatorischen Unfähigkeit, den erwarteten Zuspruch zu prognostizieren. Also geht man daran, die doch durch den Erwerb einer Mitgliedschaft oder Jahreskarte vertraglich zugesicherten Leistungen durch den Zusatz nach Verfügbarkeit unzulässig einzuschränken und ein schlecht geschultes, überarbeitetes und unterbezahltes Personal muß tagaus, tagein als Prellbock für die Inkompetenz der Leitung geradestehen. Stellen Sie sich vor, rief Reger, man hat in den ersten Wochen der Ausstellung in den verschiedenen Museen des Museumsverbandes des Kunsthistorischen Museums unabhängig voneinander Zeitfensterkarten ausgegeben, ohne jede zentrale Erfassung! Auch die angemeldeten Gruppen vergaß man in die Kontingente einzurechnen. Was wunder also, daß sich Hunderte von Besuchern gleichzeitig vor den Gemälden drängten. Nicht vor den Zeichnungen, nicht vor den Stichen, so Reger, die interessieren die sogenannten Kunstfreunde, wie gesagt wird, ohnehin nicht, nur die Gemälde ziehen sie an. Stundenlang können Sie ungestört die Bruegelschen Zeichnungen betrachten, während Sie kaum eine Minute Muße vor einem der Gemälde finden, als bedeuteten die Gemälde alles, die Zeichnungen hingegen nichts.

Aber in diesem Haus ist man unfähig, Ausstellungen wie diese zu organisieren. Das Kunsthistorische Museum verfügt über aus­ge­zeich­nete Kuratoren, aber die Organisation des Ganzen endet in einer Peinlichkeit sondergleichen, sie spottet jeder Beschreibung. Wie mir die Nichte meiner Haushälterin erklärte, schafft es das Kunsthistorische Museum ja nicht einmal, die offenbar täglich wechselnden Regeln für die Vergabe der Zeitfensterkarten auf seiner Website bekanntzugeben, auch wenn diese im Widerspruch zu den den Museumsfreunden gegenüber eingegangen Pflichten stehen. Auf einer Seite, so die Nichte meiner Haushälterin, sagte Reger, steht das, auf einer anderen jenes, und beides weicht ab von dem, was in den aufgelegten Prospekten gedruckt steht. Als ich mich gestern um eine Zeitfensterkarte für übermorgen bemühte, erhielt ich die Auskunft, daß Zeit­fensterkarten nur für den jeweiligen Tag ausgegeben werden, heute hingegen ist der Ausgabestand bereits abgebaut, und auf einem Schild steht zu lesen, daß alle Zeitfensterkarten bis zum Ende der Ausstellung vergeben worden sind. Gestern hieß es, Karten gebe es nur am jeweiligen Tag, heute starrt Ihnen frech ein Ausverkauft-Schild ins Gesicht! Schamlos werden Sie als Besucher in diesem Haus vom Personal belogen, aber wahrscheinlich wußte es der Publikumsdienst nicht besser, weil sich eine unfähige oder ignorante Direktion, wer weiß das schon so genau, heute anders besinnt als gestern. Die Unfähigkeit dieser Leitung wird nur mehr von der Unfähigkeit des zuständigen Ministers überboten, welcher doch aufgerufen wäre, Ordnung zu schaffen. Aber der Kulturminister widerspricht sich ja sogar in seinen vorbereiteten Reden, wenn er von der Einigung Europas spricht, aus Dummheit oder weil er Rücksichten zu nehmen hat auf was oder wen auch immer. Einmal ist er dafür, fünf Minuten später ist er dagegen, und man ist versucht, während seiner Rede aufzustehen und laut zu rufen, wofür er denn nun wirklich eintritt, dieses Hin und Her sei ja nicht auszuhalten, er möge sich doch, bitte schön, endlich entscheiden. Es ist auch immer wieder faszinierend zu sehen, wen dieses Land bereits als Kunst- und Kulturminister ertragen hat, sagte Reger, auch Burgschauspieler und Handarbeitslehrer waren darunter, aber die Menschen haben sich nie darum gekümmert, sondern immer nur um ihre eigenen Geschäfte, haben sich arrangiert mit jenen, welche sie gerade unterdrücken. In diesem Land regiert ja die Unfähigkeit, das sehen Sie bei jeder Regierung, und die aktuelle macht da keine Ausnahme. Einmal sind die Parteien für ein öffentliches Rauchverbot, einmal sind sie dagegen, einmal hängt es von der Zahl der Unterstützungserklärungen an einem Volksbegehren ab, einmal müssen es soundsoviele sein, ein anderes Mal fast viermal soviele, und den Unterschied macht jeweils nur das Ergebnis von in der Zwischenzeit abgehaltenen Wahlen und ob man selbst an den Futtertrögen sitzt oder nicht, so Reger. Selbstverständlich wird man nach dem Ende der Ausstellung eine Pressekonferenz veranstalten und sich gegenseitig loben und stolz erklären, wieviele Besucher nicht die Bruegel-Ausstellung gesehen haben, nicht wieviele Jahreskartenbesitzer und Freunde des Kunsthistoirschen Museums die Bruegel-Ausstellung nicht sehen konnten, und welcher nie dagewesene Erfolg die Bruegel-Ausstellung in der Geschichte des Museums ist, ohne jedoch den Vertragsbruch an den Jahreskartenbesitzern und Freunden des Kunsthistorischen Museums auch nur mit einer Silbe zu erwähnen.

Das Chaos in diesem Haus ist so groß, daß ich heute früh um neun Uhr ohne Zeitfensterkarte die Bruegel-Schau besuchen konnte, sagte Reger. Niemand stand bereit, mich zu kontrollieren, ich spazierte einfach in die Ausstellung und stellte mich 30 Minuten lang vor den Turmbau zu Babel hin. Nicht vor dem Wiener stand ich, sondern vor dem aus Rotterdam. Alle anderen drängten sich vor dem Wiener Turmbau zu Babel, ich stand allein vor dem Rotterdamer, welcher dem Wiener in seiner meisterhaften Filigranheit doch überlegen ist, wie mir scheint. Aber die Leute versammeln sich immer vor den großen Gemälden. Auch die Wiener Kunstfreunde, wie gesagt wird, starren im­mer auf die großen Gemälde, während doch im Gegenteil in solchen Ausstellungen jene Exponate die interessanten sind, welche aus anderen Häusern entlehnt wurden, auch und vor allem die kleinen. Aber größer be­deutet in unseren Zeiten immer besser, also stehe ich fast allein vor dem Rotter­damer Turmbau zu Babel, während sich alle anderen vor dem Wiener Turmbau zu Babel um möglichst gute Sicht balgen. Und teuerer bedeutet auch besser, also verkauft man die Karten für das Kunsthistorische Museum mit der Bruegel-Ausstellung an die Touristen, aber verweigert diesen wie den Wiener Kunstfreunden die Zeitfensterkarten und damit den Zutritt. Man könne sich am jeweiligen Ausstellungstag in der Früh um Zeitfensterkarten bemühen, wurde uns vorgelogen, als ob arbeitende Kunstfreunde die Zeit hätten, sich um zehn Uhr vormittag freizunehmen, um sich eine Zeitfensterkarte für den späten Nachmittag zu besorgen; dabei ist der Abbau des Ausgabekiosks für die Zeitfensterkarten bereits beschlossen gewesen, das ist die Wahrheit. Daß die Wiener Kunstfreunde, wie immer gesagt wird, dem Haus auch abseits der Sonder­aus­stel­lungen die Treue halten, kümmert eine ignorante und längst schon mit einem Ablaufdatum versehene Direktorin ebensowenig wie den zuständigen Minister, der höchstwahrscheinlich nicht einmal weiß, was das Wort Minister eigentlich bedeutet.

Danach versank Reger in Schweigen, ohne mich weiter zu beachten, und betrachtete, auf seinen Stock gestützt, Het Pelsken ohne Unterlaß, sagte Atzbacher. Erst gegen zwei Uhr erhob er sich, nickte mir zu und ging, ohne freilich ein einziges Wort über den fun­da­men­talen Unterschied zwischen Oper und Musiktheater verloren zu haben, zu dessen Erläuterung ich mich mit ihm doch um halb zwölf Uhr im Pourbus-Saal verabredet hatte.

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