Salzburg. Blick über die Salzach auf die Altstadt mit dem Dom und der Festung Hohensalzburg.Salzburg ist das Herz vom Herzen Europas. Es liegt in der Mitte zwischen Süd und Nord, zwischen Berg und Ebene, zwischen der Schweiz und den slawischen Ländern.
(Hugo von Hofmannsthal, 1920)
© Thomas Prochazka
Illusionisten.
Ortsgruppe Salzburg
Von Thomas Prochazka
II.
Wir erinnern uns: Am 29. Jänner berichtete die Kronenzeitung, Markus Hinterhäuser habe nach erfolgter Ausschreibung und den Anhörungen für die Leitung der Sparte » Schauspiel « von Karin Bergmann als liebe Freundin
gesprochen, die sich immer wieder sehr entscheidend zu Theaterfragen geäußert hat
. Auch stand zu lesen, daß die ehemalige Burgtheaterdirektorin an den Anhörungen teilgenommen hat. Allerdings hatte sich Karin Bergmann nicht beworben. Die Folge: eine eilig einberufene Sitzung des Festspiel-Kuratoriums, nach der die aktuelle Vorsitzende, Salzburgs Landeshauptmann Karoline Edtstadler, dem Intendanten die gelbe Karte
zeigte. (Man kennt sich aus beim Fußball in der Mozartstadt.) Und: Der (dienstlich) abwesende Intendant solle sich erklären.
Einen Monat später war davon nur mehr am Rande die Rede. Dafür waren jetzt Vorwürfe im Umgang mit Mitarbeitern aufgetaucht, und das Wort » Wohlverhaltensklausel « begehrte dringend Berücksichtigung um das Wort des Jahres. Die Öffentlichkeit erfuhr von Gestaltungen betreffend Markus Hinterhäusers Vertrag, welche offensichtlich schwammig formuliert sind. Behauptete eine Partei ein Vertragsende mit September 2031, nannte die andere, widersprechend und auf jene ominöse » Wohlverhaltensklausel « verweisend, den Termin September 2026. Für solche Vertragsgestaltungen sind Politikerhirne unabdingbar. (In Kenntnis der damals handelnden Personen darf man allerdings annehmen, daß da eine Absicht mit im Spiele war.)
Jedenfalls gab es Beileids … äh … Unterstützungsbekundungen, auch von seit Jahren immer wieder vom Intendanten engagierten Künstlern. Darauf replizierten Politiker mit von unwahrscheinlicher Sachkenntnis zeugenden Aphorismen: Nicht hilfreich.
(Aphorismen, wir erinnern uns, genießen 2026 in öffentlichen Debatten generell hohes Ansehen.) Mit dem Intendanten offensichtlich befreundete Journalisten — Der Markus Hinterhäuser spricht sein Programm immer mit mir ab.
— übten sich einmal mehr in ihren Lieblingsrollen als Schattenkulturpolitiker. Zum Teil wöchentlich wurden Brandreden verfaßt zu des Betroffenen Unterstützung und in Schmähung der als seine Feinde Identifizierten.
Das Festspielkuratorium unterbreitete Markus Hinterhäuser ein » Angebot «, bei dessen Annahme ihn jeder intelligente Zeitgenosse ungestraft der Imbeziliät hätte zeihen dürfen. Der Spiegel rückte einen Bericht ins Blatt, darin von Schreiduellen und darob psychisch belastenden Arbeitsbedingungen in den Büros der Salzburger Hofstallgasse die Rede ging.
So kam es, wie es kommen mußte: Nach einer nicht-öffentlich gemachten Vereinbarung wurde der Intendant am 26. März bis zum Ende seines im Herbst 2026 auslaufenden Vertrages beurlaubt.
In der Folge rauschte es wortgewaltig im österreichischen Magazinwald mit Hinweisen auf des Ex-Intendanten Genius, entfacht von freundschaftlich verbundenen Kiebitzen. Spitzfederiche! — Fordertet Ihr auch das Ausnahmegesetz für den sogenannten Genius, griffe er in Eure Kassa? Entging Euch, daß geschildertes Verhalten, wenn es sich (wer als die Beteiligten weiß das schon?) so zugetragen hätte, seit Jahren als Mobbing bewertet werden könnte? Und daß fortgesetzte Duldung seitens eines Arbeitgebers diesen (im gegenständlichen Fall: das Festspielkuratorium) klag- und haftbar machte?
Genug davon! — Denn in der Zwischenzeit berief das Kuratorium Markus Hinterhäusers liebe Freundin
zur interimistischen Intendantin.
Die besten Pointen schreibt eben doch das Leben.
III.
Dem stillen Beobachter stellen sich bei dieser » Kreuzerkomödi « im Gewand einer griechischen Tragödie mehrere Fragen: Wo ist eigentlich festgelegt, daß eine Ausschreibung (diesfalls für die Leitung des Schauspiels bei den mozartstädtischen Festspielen) auch zu einer Bestellung führen müsse? Wieso darf ein Intendant, eine von ihm erkannte Erfolglosigkeit eines Unterfangens vorwegnehmend, nicht eine ihm geeignet scheinende Person nennen (nicht: berufen)? Und wo war in all dem die Festspielpräsidentin? Ist nicht sie nach § 13 (2) des BGBl. 147/1950 zur Errichtung eines Salzburger Festspielfonds die Vorsitzende (und damit Sprecherin) des Direktoriums? Wurde nicht 2023 in der Geschäftsordnung festgelegt, daß das Direktorium als Kollegialorgan organisiert ist? (Daß der Hauptzweck dieser Geschäftsordnung die Entmachtung der Präsidentin war, tut nichts zur Sache.) Bedeutete solches nicht, daß der Intendant, gleichgültig, was das Kuratorium in den letzten Monaten gebetsmühlenartig wiederholte, die Bestellung der Schauspielleitung gar nicht allein entscheiden durfte?
IV.
Doch gab’s andere Geschäfte noch: Das Kuratorium referierte nach seiner Sitzung Mitte März auch zur Umsetzung des Projektes Festspielbezirk 2030. » Salzburgs Polit-Elite « (© Stefan Grissemann) formulierte atemberaubend: Wir bringen die Festspiele sozusagen noch einmal mehr ins 21. Jahrhundert.
Oder, zum Thema » Interimsspielstätte «: […] haben wir das Direktorium beauftragt, sehr zeitnah dementsprechend Flächen zu prüfen und beschlußreif auch dem Kuratorium vorzulegen.
Soetwas kann man nicht erfinden.
Salzburg ist dann gut, wenn es den Anspruchsvollsten genügt.
Oscar Fritz Schuh (1904 – 1984)
Und wieder erstaunen die nicht gestellten Fragen: Welche Leistungen sind im immer wieder genannten » Kostendeckel « von 34 Mio. EUR für die » Interimsspielstätte « enthalten? Die Grundstücksablöse? Die Miete? Die Errichtung einer Halle? Der Betrieb? Der Abriß (wiewohl man sich noch nicht im klaren zu sein scheint, ob seitens der Stadt an eine Nachnutzung gedacht ist)? Alles zusammen? — Und was, wenn die Kosten höher ausfallen? Wird man dann auf die » Interimsspielstätte « verzichten? Wird man zurückkehren in die Zeit vor 1960? Zur Erinnerung: In jenen Jahren führte man Die Meistersinger von Nürnberg ebenso auf wie den Falstaff oder Die Frau ohne Schatten; im heutigen Kleinen Festspielhaus allerdings, das vieles ist, aber kein Haus für Mozart «. Orchesterkonzerte gab man im Mozarteum.
Daß der Umbau des Großen Festspielhauses bereits um ein Jahr auf Herbst 2028 verschoben, das ursprüngliche Ziel 2030 längst aufgegeben wurde, war keinem der Anwesenden eine Nachfrage wert. Ebensowenig, was passiert, wenn der Rechnungshof in seiner Eingangsprüfung feststellt, daß der Kostenrahmen von 395 Mio. EUR für die erste Phase und von 86 Mio. EUR für die Phase II nicht eingehalten werden kann? Obwohl im Budget angeblich bereits die zukünftige Teuerung berücksichtigt wurde, beträgt die Schwankungsbreite immer noch 20 %. Darf man anzweifeln, daß der Krieg im Mittleren Osten als Inflationstreiber in diesen Zahlen bereits seinen Niederschlag fand?
Und was passiert, wenn dieser vielbeschworene » Kostendeckel « überschritten wird? Werden dann die Verantwortlichen ihre Sparbücher plündern und Hypotheken auf ihre Liegenschaften aufnehmen? Oder darf man diesen » Kostendeckel « als jenen Sand in den Augen der Öffentlichekit bezeichnen, der er immer schon war?
V.
Wer immer wieder die gesellschaftliche Verantwortung bemüht, wird um die Beantwortung grundlegender Fragen nicht umhinkommen: Können wir uns so ein Mammutprojekt überhaupt leisten? Geht’s nicht auch ein bissel günstiger? Und was sagen die Politiker, die Verantwortlichen und die festspielenden Freunde jenen Alleinerziehenden, welche trotz Vollzeitanstellung nicht mehr wissen, woher das Geld für die Heizkosten, die Miete oder dringend benötigte Kleidung für die Kinder nehmen? Daß sie, leider, leider Pech gehabt haben? Daß für ihre Unterstützung kein Geld vorhanden ist, weil man ein großes Loch in einen großen Berg bohren mußte, um darin Kulissen von einer Bühne zur anderen zu schieben und für ein paar Wochen im Jahr Theater- und Opernaufführungen zu veranstalten?
Ist es nicht an der Zeit, sich von der Großmannssucht eines Gerard Mortier, eines Alexander Pereira zu verabschieden? Geht die Theaterwelt unter, wenn von sechs Opernproduktionen einer Festspiel-Saison nur eine neu ist? Die Festspiele florieren, aber sie treten auf der Stelle. Der Massentourismus und das Reisebüro-Arrangement haben sich Salzburgs bemächtigt
, so Karl Löbls Befund 1970.
Michael Hampes Inszenierung von Così fan tutte stand von 1982 bis 1985 und dann nochmals 1990 und 1991 auf dem Programm. Die musikalische Umsetzung, auch CD nachzuhören, war um Äonen besser als alles, was heute marktschreierisch als Weltklasse ausgerufen wird. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Schwer vorstellbar, daß sich Ulrich Rasches wanderbare Maria Stuarda aus dem Vorjahr sechs Saisonen verkaufte. Oder Peter Sellars Sicht auf La clemenza di Tito, Teo und seine Stehgeiger hin oder her. (Merke: Heute benennt man Produktionen nach dem Spielvogt, nicht nach dem Komponisten.) Sollte nicht Qualität (gesanglich wie inszenatorisch) wieder Vorrang genießen vor Quantität?
VI.Salzburg ist dann gut, wenn es den Anspruchsvollsten genügt
, postulierte Oscar Fritz Schuh einst. Davon ist man heute weit entfernt. Allerdings nicht nur bei den Sommerfestspielen. Und nicht nur in Salzburg.