Luster in der Rotonde des Palais Garnier, Paris © Thomas Prochazka

Luster in der Rotonde des Palais Garnier, Paris

© Thomas Prochazka

Carl Zeller:
» Der Vogelhändler «

Bühne Baden

Von Thomas Prochazka

Am Währinger Gürtel hat sich eine Gutmensch*Innende das Ziel gesetzt, unter den Augen der politisch Verantwortlichen, aber fachlich Ahnungslosen die Kunstform Operette auszurotten. In Baden verhindert der Bannstrahl des seligen Robert Herzl — Gott sei Dank! — Schlimmeres. (Noch.)

II.
Anläßlich der 120 Jahr-Feier der Sommerarena spielt die Bühne Baden Der Vogelhändler: die erfolgreichste Operette des k. u. k. Sektionsrates im Finanzministerium, Dr. Carl Zeller.

Auf Basis einer Konzeptionsidee des nachmaligen Intendanten Michael Lakner bearbeiteten Barbara Spitzer und Francesc Abós Text, Ort und Zeit der Handlung: Baden bei Wien im Jahr 1906 statt der Pfalz im 18. Jahrhundert. Wie gut, daß Natalia Ushakova als Kurfürstin Marie ihr Fröhlich Pfalz, Gott erhalts! weitgehend unverständlich singt: So kümmert derartige Diskrepanz niemanden.

Die Verbindung mit Baden und Österreich, so Barbara Spitzer und Francescs Abós in einem vor Gemeinplätzen strotzenden Beitrag im Programmheft, schüfe eine zusätzliche Nähe. (Ja, eh.) Gleiches gelte für die Anspielungen und Bezüge, die dem Publikum vertraut vorkommen (es aber nicht sein müssen). … Schade eigentlich, daß Carl Zeller und seine Librettisten M. West und Ludwig Held davon keine Ahnung hatten. Nie wäre es ihnen eingefallen, ihren Vogelhändler woanders als in Baden bei Wien spielen zu lassen.

Auch erfand man zwei » Gesellschaftsreporterinnen «. Diese gaben vor dem Aufgehen des Vorhanges und nach der Pause — mit Texteinlagen von Verena Scheitz und Ariana Schirasi-Fard — weitgehend Sinnbefreites von sich. Doch laut Spitzer und Abós entstünde so ein zusätzlicher Blickwinkel auf die Geschichte. Warum?, fragt man sich.

Nein, nein, die Wahrheit liegt viel näher: Jede Bearbeitung bringt Tantiemen ein. Und da die Schöpfer schon lange tot sind, können sie sich auch nicht mehr wehren. Dagegen, daß man solchem Unsinn das Präludium opferte, beispielsweise.

Darf man ferner anmerken, daß wir, das Publikum, zwar unwissend sein mögen, doch keine Veranlassung besteht, uns für dumm zu halten? Stellt uns das Werk vor wie komponiert. Sprecht deutlich und singt gut. Dann erkennen wir die sozialen Konflikte und Probleme von allein. Und vielleicht kommt uns sogar die Weisheit an, wonach Glück und Zufriedenheit in allen Gesellschaftsschichten und ohne finanziellen Überfluß möglich sind.

III.
Am Premièren-Abend vertraute man auf Lilly Kugler-König und Ariana Schirasi-Fard als » Gesellschaftsreporterinnen «. Stimmlos und mit unbilligen, weil billigen Witzen versuchten sie sich auch in den Rollen des Professor Süffle und des Professor Würmchen: Mitglieder der kurfürstlichen Prüfungskommission zwecks Adams Bestellung zum Menagerie-Inspektor. (Heinz Erhardt und Willy Hofmann zeigten 1960, wie man diese Szene auch ohne Stimme gestaltet.)

IV.
Die Bühne Baden überraschte mit einem überaus gelungenen Bühnenbild von Stephan Prattes (Licht: Stephanie Affleck). Man spielte auf dem hochgefahrenen Orchestergraben und dem vorderen Teil der Bühne, grün bemattet. Schuf mit Blumen, Sträuchern und im Rund hängenden Ampeln und Girlanden Atmosphäre. Kitschig? Nein, Operette.

Der Chor und das Tanz-Ensemble der Bühne Baden sorgten für den Auf- und Abbau der beweglichen Ausstattung: Stockerl, Stühle und Tische. Sicherten diese, wenn Kollegen sie erklommen. All das vollzog sich reibungslos und unauffällig. Da waren Profis am Werk, die wußten, was wann und wie zu tun war. Daneben wurde auch noch formidabel gesungen und getanzt, wie’s guter Brauch ist in der Operette. Francesc Abós’ Choreographie fügte sich bruchlos; schonte auch den Chor nicht, wie umgekehrt die Tänzer manche Chor-Passagen verstärkten. Geschmackvoll die Kostüme von Friederike Friedrich.

V.
Mit diesem Orchester und seinem musikalischen Leiter Michael Zehetner verfügt die Bühne Baden über an und in der Operette und, nicht zuletzt der Kurkonzerte wegen, der Musik der Strauss-Familie und ihrer Zeitgenossen geschulte Kräfte. Da stimmte die Agogik ebenso wie die dynamischen Abstufungen. Solche für die Operette unabdingbare Qualitäten (nebst einer sauberen Exekution) sind selten geworden.

Angesichts dieses Befundes erstaunen einen die Arroganz und Ignoranz, mit der offensichtlich ahnungslose Stadt- und Landespolitiker die Auflösung eines Orchester dieser Qualitäten betreiben. Noch dazu, weil die marktschreierisch angekündigten Einsparungen sich als jene Unwahrheit erweisen werden, welche sie von allem Anfang an war. (Man ist hier, die Wahrheit zu sprechen.)

VI.
Gesungen und gespielt wurde, sieht man von ein, zwei Ausnahmen ab, sehr gut; — im Rahmen des an die Möglichkeiten anzulegenden Maßstabes. — Allen voran der Adam des Clemens Kerschbaumer, dessen Tenor auch bei den Spitzentönen nicht schwächelte: das Zentrum der Aufführung. Ihm zur Seite Andreas Lichtenberger als lebhaft die Wildsau von den Bauern einfordernder Baron Weps. Ricardo Frenzel Baudisch in der Partie des Graf Stanislaus erreichte nicht das vokale Niveau seines Onkels.

Überaus gelungen — weil mit dignité dargebracht — und in hervorragender Maske: Oliver Baier als Baronin Adelaide. Die beste zweitbeste Lösung, denn auf der Soll-Seite standen denn doch die kaum vorhanden vokalen Mittel, Couplet hin oder her. Beppo Binder als Stadtrat Hofreiter trägt sicher schon seit Jahren eine Inventarnummer der Bühne Baden. Bei West und Held und Zeller ist dies die Partie von Schneck, dem Dorfschulzen. Doch wer weiß heute schon, was ein » Schulze « ist? Angelika Niakan spielte die Franzi und zieh all jene der Unwahrheit, die behaupten, ein Sänger müsse nicht auch gut artikulierend sprechen können.

Verena Tranker in der Partie der Brief-Christel steigerte sich mit Fortdauer des Abends. Gegen mehr Gewicht mancher Phrasen und größerer Beständigkeit im Ton erhübe man keine Einwände, ganz im Gegenteil. Eine gute Gelegenheit, mit dem Mißverständnis aufzuräumen, Operette sei leicht zu singen: Carl Zeller & Co. schrieben durchaus stimmfordernd. Sie verlangten ebenso die Kunst des legato wie die Spitzentöne und die korrekte Verankerung der Stimme in ihrem Fundament wie die Komponisten für die größere Schwester, die Oper.

Das müßten auch die Anhänger von Natalia Ushakova bekennen, welche die Kurfürstin Marie mit großer Stimme und ebensolcher Textundeutlichkeit gab. Nicht nur bei den Blumen-Bouquets, auch bei den Intonationstrübungen belegte Ushakova unangefochten den ersten Patz. — Darf man ferner anmerken, daß das Lied »Il bacio« von Luigi Arditi (1822 – 1903), selbst wenn es gekürzt und in deutscher Sprache dargeboten wird und gut gesungen würde, nichts in einer Vogelhändler-Produktion zu suchen hat?

VII.
Dennoch, nehmt nur alles in allem: Mit dieser Vogelhändler-Produktion machte man sich am Stadttheater das größte Geschenk für die 120 Jahr-Feier der Sommerarena. Man bewies, daß die Wiener Operette lebt — in Baden. (Noch.)

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