Festspiele.
Von Thomas Prochazka
Salzburg, Hofstallgasse. Premièren-Abend. Vor dem Großen Festspielhaus treffen die Besucher ein. Ein Reporter-Team des Lokalsenders befragt die illustren Gäste.
- Reporterin:
- Guten Abend. Sie sind hier für die » Carmen «-Première. Verraten Sie mir, was Sie für den heutigen Abend ausgeben?
- Tochter (im langen weißen schulterfreien Kleid mit Blumendruck und weißen Pelzpantoffeln; mit entwaffnender Naivität):
- Gar nichts. Die Karten bekommt doch mein Papa immer so …
- Mutter (fällt ihr ins Wort):
- Wir haben Karten der zweiten Kategorie.
- Tochter (leutselig):
- Die Premièren bei den Festspielen sind ein Muß jedes Jahr! Das ist so eine Familientradition bei uns. Da sind wir auch willing to pay more for it.
- Reporterin:
- Ja, aber: Sagten Sie nicht …
- Mutter (rasch):
- Anschließend dann mit dem Taxi in den » Goldenen Hirschen «. Da freut man sich ja auch, den Abend ausklingen zu lassen. Wenn ich mir‘s so überlege, reichen eigentlich 1.000 EUR gar nicht.
- Reporterin:
- Das heißt, Sie lassen sich den Besuch der Festspiele einiges kosten.
- Tochter (vorwitzig):
- Es sind besondere Künstler, besondere Inszenierungen. Das weiß man, wenn man hierherkommt, und dafür geben wir das dann auch gerne aus. Aber man erlebt ja hier so großartige Künstler!
- Mutter:
- Ja, wir freuen uns schon darauf, heute wieder einmal die Wiener Philharmoniker zu hören. Und dann dieser hervorragende russische Dirigent— (stockt, sucht nach dem Namen) äh … Leo Currentzi heißt er, glaube ich.
- Reporterin:
-
» Carmen « ist ja heutzutage nicht ganz unproblematisch …
- Mutter (wichtig):
- Man muß sich natürlich mit der tatsächlichen Geschichte der Carmen auseinandersetzen. Da geht es um eine Frau, die alle gesellschaftlichen Normen bricht, um ihr Leben zu leben bis in den Tod. Das ist alles andere als kitschig …
- Tochter (unterbricht, freudig):
- Es endet mit einem Femizid. Ich hab’ das heute zufällig mit meiner Mama schon gegoogelt, damit ich vorbereitet bin!
- Reporterin:
- Das heißt, Sie kennen die literarische Vorlage nicht? Das Buch von Prosper Mérimée?
- Tochter:
- Welcher Prosecco? — Ach so, ein Buch. Nein, nein, ich hab’ seit Jahren keines mehr gelesen. Wozu auch? Ich hab‘ TikTok …
- Mutter (rasch einfallend):
- Aber wir wissen natürlich Bescheid.
- Reporterin:
- Worum geht’s denn in der Oper eigentlich?
- Mutter:
- Die Musik von Verdi…
- Flanierender Besucher (im Hintergrund, halblaut vor sich hin):
- Die ist doch von Puccini …
- Mutter:
- Von Puccini; natürlich … ach Gott, ja! — Es geht um Liebe, Eifersucht und Mord. Also: Die Carmen … ist sehr extravagant. Und sie hat einen Freund, einen sehr netten … Den José! (unterbricht sich) Das ist jetzt natürlich nur so eine Kurzfassung …
- Reporterin:
- Wissen Sie, wer die Carmen singt?
- Mutter (triumphierend):
- Selbstverständlich! Das ist die Angie … äh, äh … Gregory, Greco … Ja, genau, Angie Gregory!
- Tochter:
- Wir wollen jetzt ein Glas Champagner trinken. Und auf‘s Klo muß ich auch noch.
(Vorhang.)