Luster in der Rotonde des Palais Garnier, Paris © Thomas Prochazka

Luster in der Rotonde des Palais Garnier, Paris

© Thomas Prochazka

Francesco Cilèa:
» Adriana Lecouvreur «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Die letzten Festspiele schließen ihre Pforten, die Connaisseurs unter den Besuchern warten auf die ersten roten Premièren-Teppiche. Im Institut am Ring zeigte man Adriana Lecouvreur in der gelungenen Wanderinszenierung von David McVicar.
Löblich.

II.
Bedauernswert allerdings, daß das Besetzungsbüro einmal mehr scheiterte, für dieses unterschätzte Meisterwerk eine adäquate Besetzung aufzubieten: Ermonela Jaho präsentierte sich — wie übrigens schon vor fünf Jahren — so überfordert mit der Titelpartie, daß Elīna Garančas Principessa di Bouillon durch stimmliches K.O. in der ersten Phrase siegte. Die Zeit schlug ihre Wunden auch in die Stimmen der Herren. Und als comprimarii bezeichnete man in früherer Zeit jene Sänger von Nebenrollen, welche man halt schon auch hören (und verstehen) sollte.

III.
Marco Armiliato waltete am Pult mit jener Liebe zu Details, welche den Blick auf‘s Ganze verstellt. Solistisch wunderbar Musiziertes mußte, mit Ausnahme des dritten Aktes, für’s Fehlen des großen Bogens entschädigen. Im Graben: Dienst; nur punktuelles Brennen für die Sache. Doch Verismo ohne Leidenschaft läßt einen gleichgültig zurück. (Der Sommer war lang. Und heiß. Und anstrengend.)

IV.
Die stimmliche Qualität von Simonas Strazdas als Principe ließ keinen Zweifel aufkommen, wer im Hause Bouillon das Sagen hat. Wieder einmal polterte sich der Sänger mit gaumigem Ton durch seine Partie. Ebenso stimmschwach präsentierte sich der Abate di Chazeuil von Andrea Giovannini: ohne Linie, ungleichmäßig in Lautstärke und Tongebung. Ihr Duett mit sich anschließendem Ensemble, doch federnd und mit gesanglichem Witz vorzutragen, mußte sich diesmal allein aus Cilèas Kompositionskunst speisen. (Als comprimarii …)

V.
Roberto Frontali, der Michonnet des Abends, sang nicht mehr auf jenem Niveau wie noch 2019. Die Stimme klang dünn und vibratoreich, ließ wenig hören von jenem fleischigen, kraftvollen Ton, der uns diese Figur so wert machen sollte. Einzig im vierten Akt ahnte man ein wenig (doch zuwenig) von der Tragik seiner unerwiderten Liebe zu Adriana. Doch in der Oper erwächst die Darstellung einer Partie aus ihrem Gesang.

VI.
Für die Partie des Maurizio, Conte di Sassonia, hatte man (nach seinem Einspringen im November 2021) Luciano Ganci engagiert. Licht und Schatten: Vieles, viril gesungen, beeindruckte wie seinerzeit, erinnerte in der Tongebung ein wenig an Franco Corelli. (Man lausche dem Live-Mitschnitt aus dem Teatro San Carlo vom 28. November 1959, vergleiche, und man wird meine Einschätzung bestätigt finden.) Manches enttäuschte, wie manche Schwäche im piano, bei der Ausformung längerer Phrasen. Man erfreute sich an Gancis Schlachtenerzählung und seiner Leistung im großen Duett des zweiten Aktes, bei gleichzeitiger Trauer über nicht ausgeschöpftes Potential in La dolcissima effigie und an anderen Stellen.

VII.
In früheren Zeiten hätte ein kundiges Stammpublikum Ermonela Jaho nachdrücklich protestierend von der Bühne geschickt. In unserer Zeit akklamiert eine Zuhörerschaft in der Armseligkeit ihrer Bedürfnisse — und, so darf man annehmen, in Unkenntnis der stimmlichen Anforderungen an die Partie der Adriana Lecouvreur — eine gesanglich fragwürdige Leistung. Hörte niemand, daß Jahos Stimme (nicht nur) im Eröffnungsrezitativ ganz anders und viel dunkler klang als ihre Gesangsstimme? Hörte niemand, daß sich diese Stimme in der Quart oberhalb des passaggio kraftlos, dafür mit übergroßem langsamen Vibrato präsentierte, daß sie in den Duetten des öfteren klanglos in den Orchesterwellen versank? Daß Jaho zu keiner Zeit ihre Sprechstimme als stimmliches Fundament für die Tragfähigkeit der oberen Lage zu nutzen wußte, tiefe Töne immer wieder » nachdrücken « mußte? Daß einzig im Finalakt soetwas wie der Versuch einer gesanglichen Gestaltung zu bemerken war; — als habe die Sängerin haushalten müssen mit ihren Kräften: ein lyrischer Sopran, wildernd in fachfremdem Revier. Wo blieben die Wortdeutlichkeit, die gesangliche Linie, wo die stimmlich erfahrbare Güte dieser Figur, die in ihrer Liebe zu Maurizio der Nebenbuhlerin zur Flucht verhilft? Und: Wie kann man in Kenntnis der Leistungen von Magda Oliviero und anderen Größen der Vergangenheit solches kritisch billigen?

VIII.
Den stärksten Eindruck hinterließ die Principessa di Bouillon der Elīna Garanča. Zwar schwächelte ihre Stimme des öfteren im Bereich oberhalb des passaggio, vor allem zum Ende absteigender Phrasen, doch sang die Lettin (wie schon vor fünf Jahren) im Vergleich mit ihren Kollegen in einer anderen Liga. Außerdem: Garanča stellte jene Aristrokratin vor, als welche Eugène Scribe und Ernest Legouvé die Figur in ihrem Drama erdachten. Sängen alle in jener Qualität wie Garanča an diesem Abend, es wäre eine Freude.
So aber: ein unerfüllter Abend. (Das ist es.)

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