Der Merker

Dienstag, 12. Dezember 2017

Salome: Die Königstochter (Lise Lindstrom) wehrt Herodes’ (Herwig Pecoraro) Angebot, vom Wein zu trinken, ab © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

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Rezensionen Oper

Wiener Staatsoper

Richard Strauss: »Salome«

Von THOMAS PROCHAZKA

I.
Was gibt die Staatsoper? Statt der Vorgänge des Wilde-Stückes, der Strauss’schen Partitur gibt sie … deren Abglanz. Statt gründlicher Vorbereitung … eine al fresco-Einstudierung. Statt der »Richard Strauss-Festtage« … »Richard Strauss-Tage«.
(Wohlweislich.)

II.
Im Juni 1929 schrieb Clemens Krauss vor seinem Amtsantritt als Direktor des Wiener Institutes an den Komponisten: »[…] Ich hatte immer den Eindruck, dass gerade dieses Werk, das an der Wiener Oper, wie Sie sich erinnern werden, ziemlich spät zur Erstaufführung kam, vom Haus aus sehr summarisch und quasi al fresco studiert war. Selbst das Orchester lässt die Exaktheit, die diese Partitur verlangt, vermissen.«

Prophetische Worte.

III.
Kein Zweifel, Peter Schneider ist im Vergleich zu Simone Young der umsichtigere, mehr auf Details denn Lautstärke bedachte Orchesterleiter. Nur einmal, bei Salomes »Ah! Ah! Jochanaan, Jochanaan« im Finale erhob er sich, rauschte das Orchester auf wie nie zuvor oder danach. Daß Schneiders Salome länger dauert … wann taugte je, solange die Agogik, der innere Fluß stimmten, Tempo als Qualitätsmerkmal?

Und doch… Das Staatsopernorchester zeigte sich gestern nicht von seiner besten Seite: Da war man einige Male nicht zusammen, verwischten die Einsätze, tonmalte man »al fresco« … mit breitem Pinsel. (Einsetzende Müdigkeit nach dem nachmittäglichen Abonnement-Concert mit Mahlers Siebenter? Aber: Was ficht dies jene an, welche den geforderten Preis bezahlten?)

IV.
Herwig Pecoraro war Herodes: »al fresco«... Sein öffentliches Werben um die Tochter seiner Frau ließ jene stimmliche und darstellerische Eindringlichkeit missen, welche Ablinger-Sperrhackes Interpretation ausgezeichnet hatte. Zuwenig überzeugend.

Dasselbe galt für die Herodias der Janina Baechle. Ich will die Lebenden nicht mit den Toten erschlagen, aber: Wer in jüngerer Zeit die Kulman erleben durfte, weiß um die Gestaltungsmöglichkeiten dieser Partie.

Das Bessere ist des Guten Feind.

V.
Bemerkenswert Alan Helds Interpretation des Jochanaan. Seine stimmlich stärksten Momente: unsichtbar aus der Zisterne singend. Auf der Bühne klang die Stimme flach, laut auch an jenen Stellen, welche Strauss mit piano kennzeichnete. Nicht Helds bester Abend. … Neu jedoch, interessant: Helds Spiel mit Lindstroms Salome. Wie der Amerikaner auf den Suizid Narraboths reagierte: großes Theater. Daß Jochanaan und Salome einander umfangen, obwohl der Prophet ein um’s andere Mal wieder »Berühre mich nicht!« zu singen hat: Studium der Original-Regie Boleslaw Barlogs? Oder Ergebnis anderweitiger Zusammenarbeit der beiden Sänger?

VI.
Lise Lindstrom kehrte uns als Salome wieder: großgewachsen, schlank, versteht man vom ersten Augenblick an Herodes’ Begehren. Ist es müßig, von Lindstroms Stimme zu berichten, dieser eigne wenig Körper, sie vermöge nicht, im tiefen Register Volumen zu entwickeln? Daß dies nicht Ausdruck der Partie, sondern gesangstechnischer Mängel ist? Und daß bestechend klar gesungene Höhen — international kann man von einem »silver laser« lesen — nicht für fehlendes legato entschädigen? Welches Strauss auch in die Titelpartie gepackt hat. (Als gäbe es der technischen Schwierigkeiten nicht schon genug.)

Nun, gestern abend vermochte ich mich (zumindest zum Teil) mit Lindstroms bemerkenswerter Rollengestaltung zu trösten: Selten in den letzten Jahren wurde die Königstochter so glaubhaft dargestellt. Wie Lindstroms Salome Jochanaan umgarnte, wie sie, Narraboth den Kopf verdrehend, sich hinfläzte, ihre Reize zur Geltung brachte… Salomes Verzweiflung, nachdem Jochanaan sie abwies, die Überlegung, wie und was aus Herodes’ Ansinnen, für ihn zu tanzen, zu gewinnen wäre … großes Theater. (Ich wiederhole mich.)

VII.
Die bislang offene Frage: Ob die »Strauss-Tage« im Dezember doch noch zu »Strauss-Festtagen« werden.

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